Verein Münchner Sportjournalisten
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Berichte II

VMS-Führung zu Gast bei sports-media-austria

Jahresversammlung der österreichischen Sportjournalisten

Die beiden Chefs des Vereins Münchner Sportjournalisten (VMW), Thomas Walz (1. Vor-

sitzender) und Margit Conrad (2. Vorsitzende), die der Einladung der österreichischen Kollegen, namentlich des Organisationstalents und SMA-Generalsekretärs Joe Langer nachkamen, machten bei der Generalversammlung, mit der der zweite Tag eingeläutet wurde, viele Gemeinsamkeiten zwischen den Verbänden aus. Walz sah angesichts der ähnlich gelagerten Probleme (Findung von Sponsoren, professionelle Förderung des sportjournalistischen Nachwuchses) und Anliegen die Basis für den Ausbau einer künf-

tigen Zusammenarbeit für gegeben.

Dazu gehört auch, dass der Sportjournalismus sich von seinem Mauerblümchendasein verabschiedet und künftig an Bedeutung gewinnt, wie SMA-Präsident Hans Peter Trost ausführte. Zuvor schon hatte dessen Vorgänger im Amt, Professor Michael Kuhn, sein Unverständnis darüber geäußert, dass der Sport weder in der Tagespolitik noch bei einer Regierungsbildung eine Rolle spiele. Dabei sei der Sport nicht nur ein wichtiger Wirt-

schaftsfaktor, sondern auch der Gesundheitsaspekt ist ebenso wenig isoliert zu betrach-

ten wie auch die Integration, die nirgendwo besser als über den Sport funktioniere.

In einer humorigen Rede fasste zum Abschluss der SMA-Generalversammlung der Vor-

sitzende der Münchner Sportjournalisten, Thomas Walz, kurz zusammen, was „wir als VMS-Vorstand aus der Tagung mitgenommen haben“. Etwa, „dass der ORF den Tag verlängert und von Olympia in Rio 28 Stunden sendet, und das, obwohl Sommerspiele die österreichische Öffentlichkeit eigentlich überhaupt nicht interessiert“.

Oktoberfest-Bierkrüge als Gastgeschenk

Aber die Bayern hatten auch etwas (von zu Hause) mitgenommen. Margit Conrad hatte Original-Oktoberfestkrüge besorgt und sich für jene aus dem Jahr 2009 entschieden, mit einem Emblem der über die Grenzen hinweg verbindenden Brezn und dem multikulturell in sämtlichen Sprachen verewigten Wort „München“. Die beiden VMS-Chefs zeichneten damit den SMA-Präsidenten Hans-Peter Trost aus, außerdem das Organisationstalent Joe Langer Schatzmeister Günther Pfeistlinger, der die VDS-Mitgliederversammlung am 21. März 2016 in der Allianz-Arena besucht hatte.

Das VMS-Vorstandsduo stellte mit Genugtuung fest, dass eine Beitragserhöhung kein Schreckgespenst sein muss und nur von Nörglern so weitertransportiert werde. Die SMA-Delegierten des insgesamt 664 Mitglieder umfassendes Verbandes stimmten Pfeistlingers Vorschlag bei einer einzige Gegenstimme zu, den jährlichen Beitrag von 25 auf 30 Euro zu erhöhen. Nachahmung empfohlen.                                     Margit Conrad

Die Holocaust-Überlebenden Zvi Cohen und Peter Erben und der Gedenkstättenleiter Oded Breda (v.l.n.r.).                                                                           Foto: Ronny Blaschke

Anstoß im Kasernenhof

Fußball als Nazipropaganda im Ghetto Theresienstadt

Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“. Unter diesem inoffiziellen Titel ist ein Propa-

gandafilm der Nazis zu einem Mythos geworden. Der Streifen zeigt jüdische Häftlinge im Ghetto Theresienstadt. Sie wirken zufrieden, nicht geschunden. Die Gefangenen spielen Karten, proben für ein Theaterstück, arbeiten im Schrebergarten. Sie lauschen einem Dozenten mit Krawatte oder hören die Musik eines Orchesters.

 

Das Kernstück des Films ist ein Fußballspiel auf einem staubigen Kasernenhof, im Inne-

ren einer Baracke, benannt nach der Stadt Dresden. Ein Spiel zwischen den Arbeitern der „Kleiderkammer“ und der „Jugendfürsorge“. Junge Männer laufen auf ein Holztor zu. Ihre weißen und dunklen Trikots sind mit dem „Judenstern“ bestickt. Tausende Zuschau-

er sitzen am Rand oder stehen gedrängt auf den Balustraden des dreistöckigen Gebäu-

des. Sie blicken neugierig, applaudieren. Immer wieder zeigt die Kamera einen robusten Verteidiger der „Jugendfürsorge“. Er hat seine Haare mit einem weißen Band gebändigt. Sein Name: Peter Erben.

Es gab sie tatsächlich: Die "Liga Theresienstadt

Wir haben keine Angst gehabt. Und so haben wir geglaubt, wir kommen in ein Lager, dass uns einige Monate beherbergen wird und dann gehen wir nach Hause. Und wir hatten niemals die Möglichkeit gehabt, das zu kontrollieren, was eigentlich mit den Trans-

porten, die aus Theresienstadt gegangen sind, geschieht. Wir waren überzeugt, die gehen in andere Arbeitslager.“

 

Peter Erben, der Mann mit dem weißen Stirnband, ist heute 93 Jahre alt und lebt in Asch-

kelon, an der israelischen Mittelmeerküste zwischen Gaza-Streifen und Tel Aviv. Er ist auf eine Gehhilfe angewiesen, verlässt seine Wohnung nur noch selten. Für eine Dele-

gation des Deutschen Fußball-Bundes macht er eine Ausnahme. Die Funktionäre sind im Rahmen eines Jugendturniers ihrer U 18-Mannschaft im Dezember ins Heilige Land ge-

reist. Peter Erben ist für sie mit dem Taxi neunzig Kilometer in den Norden gefahren, nach Givat Haim Ihud, wo eine Gedenkstätte an Theresienstadt erinnert. Erben ist der letzte lebende Fußballer, der an der Propagandapartie teilgenommen hat, am 1. Septem-

ber 1944. Es war nicht das einzige Spiel im Kasernenhof. Es gab sie tatsächlich, die „Liga Theresienstadt“. Und Peter Erben, ein stolzer Mann mit wachen Augen und grauen Haaren, möchte ihr Erbe lebendig erhalten.

 

Wir haben nicht elf Spieler gehabt, sondern nur sieben, weil der Platz klein war. Wir ha-

ben Schiedsrichter gehabt, da wurde jedes Spiel protokolliert. Jedes Spiel wurde später von den Schiedsrichtern in einem Kollegium besprochen. Und dann hat man sich über die Fouls ausgetauscht. Und der Fußball war die Unterhaltung während der ganzen Woche. Und die Kinder in den Schulen haben Zeitungen herausgegeben, wo sie ganz einfach Artikel geschrieben haben: Wer war gut? Das war schlecht, das war gut. Sie sind mir auch nachgelaufen, weil sie mich vom Fußball gekannt haben. Und sie haben mir alle Zigaretten angeboten. Ich habe gesagt: Was wollt Ihr von mir? Ich rauche nicht, ihr wisst doch, ich bin ein Sportler. Nein, nein, das ist nicht zum Rauchen da, eine Zigarette ist Geld. Wir waren so bekannt, unglaublich.“

„Theresienstadt war eine Relaisstation für Auschwitz"

Peter Erben schildert seine Erinnerungen vor den Funktionären des DFB im „Beit Tere-

zin“, im Haus Theresienstadt, vierzig Autominuten nördlich von Tel Aviv. Er und andere Überlebende haben die Gedenkstätte Anfang der siebziger Jahre errichtet. Das winkel-

förmige Gebäude ist den Mauern Theresienstadts nachempfunden, an der Stirnseite prangt ein großes Foto der Dresdner Baracke. Peter Erben hat an Büchern und Filmen mitgewirkt, hunderte Vorträge gehalten.Das müssen Sie sich vorstellen. Das war eine Stadt für das Militär gebaut, von Joseph II., später von den Tschechen übernommen. Und es war eine Militärstadt, wo Soldaten gelebt haben und ihnen Zivilisten behilflich waren. Im Ganzen waren es vorher 7.000 Menschen. Wir sind im September 1942 nach There-

sienstadt gekommen, da waren 60.000 Menschen dort, das war schrecklich.“

 

1780 hatte Kaiser Joseph II. eine Festung erbauen lassen, in der Nähe von Prag. Er nannte sie zu Ehren seiner Mutter Theresienstadt. Sein Reich Österreich-Ungarn wollte er durch das Bauwerk gegen Feinde schützen. Die spätbarocke Militärstadt bestand aus zwei Komplexen: In der „Kleinen Festung“ richtete die Gestapo 1940 ein Polizeigefängnis ein. Die benachbarte „Große Festung“ diente ab November 1941 als Sammellager für Juden. Die hohen Mauern, von Gräben getrennt, machten Stacheldraht und Wachtürme überflüssig. Der emeritierte Historiker Wolfgang Benz hat Theresienstadt 2013 ein Buch gewidmet, eine „Geschichte von Täuschung und Vernichtung“.

 

Theresienstadt war eine Relaisstation für Auschwitz, in der unter entsetzlichen sanitären Bedingungen und Unterkunftsverhältnissen gehungert und gelitten wurde. Und die Leute starben nach Ankunft wie die Fliegen. Und die anderen gingen langsam zu Grunde.“

Ein Ghetto für Wissenschaftler, Künstler, Schauspieler

Aus Berlin benötigt man mit dem Auto heute etwa drei Stunden in die Gedenkstätte The-

resienstadt, aus Prag 45 Minuten. Der jüdische Historiker Jan Roubínek hat sein Büro in der „Kleinen Festung“. An seinem Fenster laufen Touristen entlang, auf seinem Schreib-

tisch stapelt sich Fachliteratur. Jan Roubínek hat in Israel studiert, in London gelebt, seit 2011 arbeitet er in der Gedenkstätte. Als Kurator, Forscher, Organisator. Seine Groß-

mutter war in Theresienstadt gefangen. In den kommunistischen Jahrzehnten wurde sie in der Tschechoslowakei zum Schweigen gezwungen. Jan Roubínek, ein sportlicher Typ mit kurzen, grauen Haaren, will dafür sorgen, dass ihre Leiden nicht in Vergessenheit geraten: Nach der Wannsee-Konferenz 1942 haben die führenden Nazis Theresien-

stadt in ihre Endlösung einbezogen. Sie errichteten ein Ghetto für prominente Juden, für Wissenschaftler, Künstler, Schauspieler. Auch für Teilnehmer aus dem ersten Weltkrieg und ältere Juden, aus Deutschland, aus Österreich. “

 

Bald nach ihrer Ankunft mussten die Häftlinge einsehen, dass sie keine Bevorzugung er-

halten. Die Militärbaracken waren für 7000 Menschen ausgelegt, 1943 waren dort 60.000 zusammengepfercht. Mehr als 35.000 Menschen verhungerten im Ghetto, die große Mehrheit wurde in die Vernichtungslager weitertransportiert, vor allem nach Auschwitz. Bis zur Befreiung im Mai 1945 wurden insgesamt 157.000 Menschen nach Theresien-

stadt deportiert, nur 4.000 überlebten. Und trotzdem halten viele Theresienstadt bis heute für ein privilegiertes Altersghetto. Jan Roubínek:Das Leben im Ghetto Theresien-

stadt drehte sich nicht um den Tod, diese Botschaft wollten die Nazis nach außen ver-

mitteln. Für die inneren Angelegenheiten im Ghetto war der so genannte Judenrat zu-

ständig, doch auch der war der Willkür der SS ausgesetzt. Es hat in Theresienstadt ein Kulturleben für die Häftlinge gegeben. Tausende haben Sport getrieben, Opern verfolgt, an Vorlesungen teilgenommen. Künstler haben gezeichnet, Musiker komponiert. Den Nazis aber war die Kultur egal. Sie wollten die Illusion eines schönen Ghettos aufrecht halten. Im Sommer 1944 haben sie eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes erwartet. Diesen Leuten wollten die Nazis eins klar machen: Hier ist alles in Ordnung.“

Kontrolleure vom Roten Kreuz wurden getäuscht

Ende 1943 waren 450 Juden aus Dänemark nach Theresienstadt gebracht worden. Der dänische König und Politiker seines Landes bestanden darauf, dass sich Kontrolleure im Ghetto ein Bild machen. Die Nazis bereiteten sich lange auf diesen Besuch vor. Um die Überfüllung zu mindern, deportierten sie 7.000 Menschen sofort nach Auschwitz. Häft-

linge mussten in Theresienstadt Häuser renovieren, Blumen pflanzen, Wege errichten. Am 23. Juni 1944 besuchte eine Delegation des Roten Kreuzes das Ghetto. Der Leiter der Gruppe, ein junger Schweizer, fiel herein und schrieb einen verharmlosenden Be-

richt. Um die inszenierte Schönheit des Ghettos zu nutzen, befahl der Kommandant einen „Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“. Für die Inszenierung nötigten sie den jüdischen Regisseur und Schauspieler Kurt Gerron, bekannt aus der Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper. Beobachtet von der SS, sollten Gerron und ein Kamera-

team der Prager Wochenschau einen Tagesablauf der Insassen vortäuschen.

 

Die Filmemacher drehten Bildhauer, Näherinnen, Schmiedearbeiter mit freien Oberkör-

pern. Sie zeigten Menschen in einer Bücherei oder im Dampfbad. Beliebt war schon da-

mals der Fußball, deshalb zeigt wohl die längste Passage das anfangs erwähnte Spiel in der Dresdner Baracke. Die meisten Spieler, Zuschauer, Statisten ereilte das gleiche Schicksal wie Kurt Gerron. Sie starben in den Gaskammern von Auschwitz.

Handschriftliche Zeitungen aus dem Ghetto

Zurück in Israel, in der Gedenkstätte Theresienstadt. Im Halbkreis hat die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes vor Oded Breda Platz genommen. Breda hat in der Compu-

terindustrie gearbeitet. Er hat daran mitgewirkt, dass Unternehmer immer reicher wurden. Breda geht auf die sechzig zu, er spricht gelassen, hat einen feinen Humor. Sein Vater Moshe Breda war eines von wenigen Familienmitgliedern, die 1939 nach Palästina flie-

hen konnten. Oded fragte immer wieder, was passiert war, doch sein Vater wollte nicht reden. Was sie teilten, waren Fotos, auch ein alter Ausschnitt aus einer deutschen Zei-

tung. Darauf zu sehen ist ein Fußballer aus Theresienstadt. Ein Mann, der siegessicher in die Kamera blickt, ein Mann der aussieht wie Odeds Onkel: Pavel Breda. Heute sagt Oded Breda: Ich kam zum ersten Mal in diese Gedenkstätte vor etwa sieben Jahren. Die Leute hatten keine Informationen über meinen Onkel Pavel, aber das Zeitungsfoto lies mich nicht mehr los. Ich habe dann Peter Erben angerufen, seine Autobiografie gele-

sen und ihn später zu Hause besucht. Er hat mir bestätigt, dass Pavel in Theresienstadt in seiner Mannschaft der Jugendfürsorge gespielt hat. Es gab also Informationen, wir mussten nur geduldig danach suchen. So hat mich der Fußball zum Holocaust-Gedenken gebracht. Auch in Israel gibt es viele Menschen, vor allem Jugendliche, die nichts mehr von diesem Thema wissen wollen. Ich habe gemerkt, dass Fußball eine fantastische Möglichkeit bietet, um die Gedanken und Herzen der Menschen zu erreichen.“

 

Vier Wochen nach dem Propagandaspiel in der Dresdner Baracke wurde Pavel Breda nach Auschwitz deportiert. Dort verhungerte er, im Alter von zwanzig Jahren. Sein Neffe Oded hat das Gedenken in den Mittelpunkt seines Lebens gerückt. Er hat seinen gut bezahlten Job aufgegeben. Oded Breda hat in Brünn recherchiert, in der Heimat von Pavel, auch in Prag, in Archiven und Synagogen. Er hat Bücher gelesen, Akten gewälzt, Zeitzeugen getroffen. Er hat die Inszenierung von Kurt Gerron in Einzelbilder zerlegt. Und er hat selbst in der nun verfallenen Dresdner Baracke Fußball gespielt, in Begleitung von Freunden, im Gedenken an seinen Onkel. Oded Breda hat die handschriftlichen Zeitun-

gen aus dem Ghetto ausgewertet. Kinder hatten viel über Fußball geschrieben und die Zettel an andere Häftlinge weitergereicht. Oded Breda:Sie haben viele Namen in den Zeitungen notiert, von Peter Erben, von meinem Onkel, aber auch von sehr bekannten Spielern. Paul Mahrer zum Beispiel hat 1924 für die Tschechoslowakei an den Olym-

pischen Spielen teilgenommen. Später hat er in den USA gespielt, doch während der großen Wirtschaftskrise kam er zurück nach Europa. Als er ins Ghetto deportiert wurde, war er über vierzig. Er war überall bekannt, und sofort fragten die Mannschaften aus der Liga bei ihm an. Paul Mahrer hat für das Team der Metzger gespielt. Sie haben ihm dafür gutes Essen versprochen.“

Aufarbeitung des Sports im KZ vernachlässigt

Oded Breda hat 2009 mit Freunden die Ausstellung „Liga Terezin“ eröffnet, Liga There-

sienstadt, als Teil der Gedenkstätte im Kibbuz Givat Haim Ihud. Als Plattform für Zeitzeu-

gengespräche und Seminare. Eine Wand ist mit den Namen der Ghetto-Mannschaften versehen. Sie wurden nach Heimatländern und Berufen der Häftlinge gebildet. Köche traten gegen Elektriker an, Gärtner gegen Schneider. Andere Spieler wollten ihre Lieb-

lingsvereine würdigen, schlossen sich als Fortuna Köln zusammen, Sparta Prag, FC Wien.

 

Fußballspiele hat es zwischen 1942 und 1944 in Theresienstadt gegeben. Sieben gegen sieben, zweimal 35 Minuten. Geleitet von Schiedsrichtern, beobachtet von einer techni-

schen Kommission. An den Wänden der Gedenkstätte hängen Fotos einiger Spieler, ge-

kritzelte Spielpläne, befleckte Wimpel. Doch konnte Sport Ablenkung schaffen? Waren Musik, Kunst oder Fußball Identität stiftend? Der Historiker Wolfgang Benz hat über zwei Jahrzehnte das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung geleitet.

 

Ich habe leider von Solidarität und von Spaß nirgendwo in den überlieferten Dokumen-

ten etwas gefunden. Alle haben miteinander und gegeneinander gekämpft, um das biss-

chen Freiraum und die paar Möglichkeiten zu verteidigen. Die Vorträge und die Gedicht-

rezitatioonen waren Überlebenskampf. Derjenige, der das Gedicht abends öffentlich rezi-

tiert, der hält sich daran aufrecht, um ein Stückchen menschliche Identität als kulturelle Person zu bewahren und dann gehen sie wieder in ihre Unterkünfte.“

 

Historiker haben eine Aufarbeitung des Sports in Konzentrationslagern vernachlässigt. Auch Überlebende hielten sich mit Schilderungen zurück. Wollten sie dem Eindruck ent-

gegenwirken, dass es gute Seiten in der Vernichtungsindustrie gab? Oded Breda plädiert für Differenzierung. Sport konnte sehr wohl Freude für die Gefangenen bringen, glaubt er, aber wesentlich mehr Erniedrigung.

 

Auf dieser gelben Seite finden Sie einen Tagebucheintrag eines 13 Jahre alten Jungen. Darin beschreibt er die Umstände des gefilmten Spiels vom 1. September 1944. Die Zu-

schauer wurden von der SS angewiesen, wie sie sich zu verhalten hatten. Die gesunden Häftlinge in sauberer Kleidung wurden in die ersten Reihen geschoben. Auf diese Insze-

nierung müssen wir junge Leute immer wieder hinweisen. Denn viele von ihnen fragen sich, was diese Fußballbilder mit dem Holocaust zu tun haben. Einige denken wegen des Propagandafilms noch heute, Theresienstadt war ein Sommercamp.“

Fußball als Zugang zu den Menschen

Es sind Fragen, die sich Oded Breda immer wieder stellt: Wie bleibt das Gedenken in ei-

ner Wohlstandsgesellschaft lebendig? Wie lässt sich Geschichte in die Lebenswirklich-

keit von Jugendlichen übertragen, ohne den Holocaust zu verharmlosen? Das Haus Theresienstadt hält Kontakt zu 600 Ghetto-Überlebenden. Im Archiv lagern tausende Fotos und Dokumente. Ihre Erkenntnisse fließen in Seminare, Debatten, Liederabende ein. Der Fußball bietet Oded Breda einen Zugang zu Menschen, die er vorher nicht er-

reicht hat.

 

Jeden Tag ist das Bildungszentrum aktiv. Wir arbeiten meistens mit Kindern und Jugend-

lichen zusammen, im Alter zwischen zwölf und sechzehn. Der Fußball schafft einen ande-

ren Rahmen als Yad Vashem in Jerusalem. Wenn Jugendliche dort in die nationale Ge-

denkstätte gehen, sehen sie schockierende Bilder eines Völkermordes; Bilder, die sie nicht vergessen. Vielleicht ist die Liga Terezin eine gute Vorbereitung. Hier geht es um das Leben im Ghetto, weniger um den Tod.“

 

Das historische Fußballfeld in Theresienstadt ist heute nicht mehr erreichbar, die Dresd-

ner Baracke ist wegen Einsturzgefahr gesperrt. Es dauert eine Weile, um das riesige Ge-

bäude von außen abzulaufen. Putz bröckelt von den ockerfarbenen Wänden, Fenster-

scheiben sind zersplittert. Die Zugänge zum Kasernenhof sind mit Gitterzäunen ver-

schlossen, dahinter wächst Meter hoch das Unkraut. Es ist ein gespenstischer Ort, weni-

ge Gehminuten entfernt von der Mitte Terezins, wo rund 3.000 Menschen leben. Die Kommune vermarktet ihre spätbarocke Militärgeschichte des 18. Jahrhunderts. Jahr für Jahr organisiert sie Touristenspektakel mit Artillerie-Attrappen und historischen Unifor-

men. Für den Ausbau der Holocaust-Ausstellung fehlen die Mittel.

 

Für Jan Roubínek, Historiker in der Gedenkstätte, dürfte die Arbeit nicht leichter werden. Nach Schätzungen leben rund 5.000 Juden in der Tschechischen Republik, vor dem Krieg waren es 80.000. Mehrere Tausend Juden bekennen sich nicht zu ihrem Glauben. Die Ursachen liegen auch in der kommunistischen Nachkriegszeit. Vielen Opfern wurde die Rückgabe ihres Besitzes verwehrt, der Antisemitismus lebte weiter. Eine Gedenkkul-

tur wie in Deutschland oder Israel gibt es in tschechischen Gemeinden und Medien sel-

ten. Jan Roubínek sucht Wege, um das Thema einem größeren Publikum nahe zu brin-

gen. Im Frühjahr 2012 las er einen Bericht über Oded Breda. Er sammelte Informationen, er wollte die Ausstellung aus Israel an den Originalschauplatz zu holen. Jan Roubínek:  „Ich trug meine Idee unserer Leitung vor. Wir wollten die Ausstellung unbedingt vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine eröffnen, also hatten wir nur we-

nige Wochen zur Vorbereitung. Oded Breda und ich waren ständig im Kontakt, per Tele-

fon und E-Mail. Wir haben Teile der Ausstellung reproduziert, in tschechischer und eng-

lischer Sprache, ein kanadischer Freund half mir bei der Übersetzung. Und parallel lief die Vorbereitung für unsere alljährliche Gedenkfeier im Mai zur Befreiung des Ghettos. Wir haben die Fußball-Ausstellung trotzdem fertig gestellt, es war ein Verdienst von Freunden.“

Peter Erben ist der letzte Überlebende der Liga Terezin

Die Ausstellung wurde im Mai 2012 in einem Flachbau der „Kleinen Festung“ eröffnet, wenige hundert Meter von der Dresdner Baracke entfernt. Jan Roubínek hat sie neben andere Themenbereiche platziert. Er möchte nicht, dass die Freizeitbeschäftigung Fuß-

ball von jungen Gästen ohne Geschichtskenntnisse isoliert betrachtet wird. Zur Einwei-

hung erschien auch Milos Dobry, er hatte für das Team der Metzger im Tor gestanden. Auch aktuelle Profifußballer kamen, ebenso Politiker und Künstler. Oded Breda über-

reichte dem Präsidenten des Tschechischen Fußballverbandes ein weißes Trikot der Jugendfürsorge, mit dem Schriftzug seines Onkels Pavel. Jan Roubínek sagt: Ich glau-

be nicht, dass Oded Breda in Israel so bekannt geworden ist wie hier in der Tschechi-

schen Republik. Zeitungen und Fernsehsender haben berichtet, die Sport- und Politik-

redaktionen. Viele Prominente sind zur Ausstellungseröffnung erschienen, das ist für uns nicht selbstverständlich. Und es hilft der Gedenkstätte hoffentlich, künftig noch mehr Öffentlichkeit für andere Themen herzustellen. Der erste Tag der Fußball-Ausstellung war überfüllt, man konnte sich in den Räumen kaum bewegen.“

 

Diese Resonanz hat Oded Breda gerührt. Auch Peter Erben, der letzte lebende Kicker der Liga Terezin, war überrascht. Sie diskutieren über Möglichkeiten, die Geschichte der Ghetto-Liga weiterzutragen. Jeweils im Herbst findet im Kibbuz ein Gedenkturnier statt. Jüdische und muslimische Jugendliche spielen in nachproduzierten Trikots der Lager-

mannschaften, zwischen den Spielen nehmen sie an Workshops teil. Einen Ableger hat die Ausstellung in einer Loge des Stadions von Petach Tikva, östlich von Tel Aviv.

 

In einem anderen Programm besuchen wir Schulen und Jugendmannschaften, die nicht zu uns kommen können, mit einer mobilen Ausstellung. Unmittelbar nach ihrem Training führen wir sie ins Thema ein. Wir schlagen dann einen Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Wir lenken ihren Blick auf den gut gepflegten Rasen und die modernen Stadien. Dann fragen wir sie, warum diese schönen Stadien manchmal so hässlich sein können. Durch Beleidigungen, Rassismus und Gewalt. Und was bedeutet die Rolle eines jeden einzelnen in diesem Massenphänomen?“

Die Münchner Gruppe Löwenfans gegen Rechts

Ortswechsel: Frankfurt, das Stadion der Eintracht, Mitte Januar. 270 Fans, Wissenschaft-

ler, Aktivisten haben eine Tagung mit einer Botschaft überschrieben: „Nie wieder!“ Diese Worte der Überlebenden des KZ Dachau hatten Fans vor zehn Jahren aufgegriffen und den Erinnerungstag im Fußball ins Leben gerufen. Seitdem werden rund um den Holo-

caust-Gedenktag am 27. Januar Aktionen in den Stadien durchgeführt. Den Jahrestag dieser Initiative begeht das Bündnis mit Vorträgen und Konzerten. Als Ehrengast schildert Ernst Grube seine Erinnerungen. Grube, von den Nazis als „Halbjude“ eingestuft, wurde im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert: Wir sind erst Ende Juni 1945 zurück-

gekommen. Und dann habe ich gern Fußball gespielt. Dann habe ich vom Trainingsplatz von 1860 München erfahren in der Grünwalder Straße. Und bin eigentlich gleich ange-

nommen worden. Ich habe dann doch zwei Jahre hier sehr viele Gemeinsamkeiten er-

fahren. Es war halt immer eine Atmosphäre, wo ich das Gefühl hatte: da gehöre ich dazu.“

 

Nach dem Krieg konnte Ernst Grube durch den Fußball Kontakte knüpfen. Diesen Neu-

anfang erwähnt er gegenüber Jugendlichen, um einen Bogen zu spannen aus der Ver-

gangenheit in die Gegenwart. Der 81-Jährige schildert seine Erinnerungen in Schulen, Kirchen, Vereinsheimen. Auf Einladung der Fangruppe Löwenfans gegen Rechts auch vor Nachwuchsfußballern von 1860 München.

 

Es war immer so, dass die von fünf bis sechs trainiert haben. Und dann von halb sieben bis acht Uhr haben wir das Gespräch gemacht. Und es kommt nichts. Es ist fast wie eine Pflichtaufgabe. Die Wirkung meines Vortrages kann ich ja nicht nachvollziehen. Ich kom-

me ja mit den Leuten nicht mehr zusammen. Es kommt kein Gespräch zustande.“

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach besucht Theresienstadt

2010 hatte die Wochenzeitung Die Zeit bei TNS-Infratest eine Befragung von Jugend-

lichen ab 14 Jahren in Auftrag gegeben. Es kam heraus, dass sich mehr als zwei Drittel für den Nationalsozialismus interessieren. Allerdings fühlen sich vierzig Prozent genötigt, Betroffenheit zu zeigen. Kann auch der Fußball Empathie erzeugen? Immer mehr Fan-

projekte fahren mit Jugendlichen in Gedenkstätten, die U-18-Nationalmannschaft des DFB reist im Dezember nach Israel, auch in die Gedenkstätte Yad Vashem. Der Historiker Wolfgang Benz: Und das erzeugt dann eine ungeheure Betroffenheit. Das ist man dann anderthalb Stunden noch sehr beklommen und fühlt sich vielleicht auch ganz gut, dass man da Großes geleistet hat. Dass man etwas über sich gebracht hat, was andere nicht können, aber dann ist es verflogen und vorbei. Der berühmte Spruch, man muss die Leute da abholen, wo sie stehen, ist eine pädagogische Binsenweisheit – und nur zu oft bleibt man dann dort stehen. Und ob da dann sehr viel mehr übrig bleibt, als auch: bei den Nazis hat man Fußball gespielt oder auch im Ghetto? Ob das dann auch zum Ver-

ständnis der Strukturen wirklich beiträgt? Ich bin da ein wenig skeptisch.“

 

Der Anstoß zum Erinnerungstag kam aus Italien. Dort hatte Riccardo Pacifici, Präsident der Jüdischen Gemeinde in Rom, Gedenkaktionen in die Stadien gebracht. Aktivisten aus Dachau haben diesen Anspruch 2005 auf die deutschen Arenen übertragen. Ihr Netzwerk wächst. In Frankfurt haben auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und DFL-

Präsident Reinhard Rauball zum Thema gesprochen. Ihre Familiengeschichte soll junge Fans zum Nachdenken anregen. Wolfgang Niersbach:Mein Vater war Jahrgang 1915, er ist wie wohl alle Männer dieser Generation als Soldat eingezogen worden. Ich weiß, dass er die Ausbildung in Insterburg, dem damaligen Ostpreußen, in der Kavallerie ge-

macht hat, danach in Norwegen und anschließend in englischer Kriegsgefangenschaft war – viel mehr weiß ich nicht. Ich bin 1950 geboren, gehöre aber auch zu der Genera-

tion, die mit dem Vater, mit den Eltern, wenig bis gar nicht über diese Zeit gesprochen hat. Im Nachhinein bedauere ich es. Also in meiner Schulzeit zwischen 1960 und 1970 ist dieses Thema bei weitem nicht so in der Öffentlichkeit gewesen, auch nicht so diskutiert worden, wie das gerade aktuell der Fall ist.“

 

Wolfgang Niersbach hat die Gedenkstätte Theresienstadt 2012 besucht. Der Verbands-

chef überreichte dem Leiter Oded Breda einen Scheck über 5000 Euro. Breda kann die Unterstützung gut für die Vermarktung einer Filmdokumentation gut gebrauchen.

 

Gemeinsam mit den israelischen Journalisten Mike Schwartz and Avi Kanner hat er einen fünfzig Minuten langen Film produziert. Darin schildern sie die Geschichte der Liga The-

resienstadt. Sie beleuchten auch den Antisemitismus in der Gegenwart, in Prag, London, Amsterdam. Und sie verweisen auf antiarabische Schmähungen von den Fans des Klubs Beitar Jerusalem.

"Die Erinnerung an Freunde wach halten"

200.000 Holocaust-Überlebende sollen heute noch in Israel leben, jeden Tag sterben zwischen dreißig und vierzig. In zwanzig Jahren wird die Generation Geschichte sein. Oded Breda möchte die Dokumentation an vielen Orten zeigen, auch in Deutschland. Im israelischen Fernsehen wurde sie von 200.000 Menschen gesehen, so viele Zuschauer hatte auch die Übertragung des Spitzenspiels der ersten Liga. Für den letzten lebenden Spieler aus Theresienstadt ist das eine Bestätigung: Peter Erben möchte die Erinnerung an seine Freunde wach halten, auch an Fredy Hirsch aus Aachen. Der jüdische Lehrer und Pfadfinderfunktionär setzte sich im Ghetto für Kinder und Jugendliche ein, organi-

sierte Sport und Kultur. Fredy Hirsch nahm sich in Auschwitz das Leben. Peter Erben:

Das war ein fantastischer Organisator. Er hat auch verschiedene Jugendliche nach Dänemark noch herausgebracht. Und ich habe mich später bemüht, in Aachen eine Straße nach ihm zu benennen. Leider ist das nicht gelungen. Er war homosexuell und das hat wahrscheinlich den religiösen Organisationen in Aachen nicht gepasst.“

 

Peter Erben hat nach dem Krieg ein erfülltes Leben gehabt. Er hat in einer Schiffbauge-

sellschaft gearbeitet und die Welt bereist. Er ist sich bewusst, dass sich seine Erzäh-

lungen über Theresienstadt wandeln, mit jeder Resonanz, mit jeder Gegenfrage, mit jedem Buch, das er zum Thema liest. Schon länger suchen Gedenkstätten nach einer neuen Geschichtsvermittlung, da die letzten Zeitzeugen während der NS-Zeit Kinder oder Jugendliche waren. Peter Erben will weiterarbeiten. Für ihn ist die Vergangenheit nie zu Ende.

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