Verein Münchner Sportjournalisten
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Veteranen

Olympia: Zehn Mal Sommer, elf Mal Winter

 

Wolfgang Uhrig (Jahrgang 1940) zählt zu den profiliertesten Köpfen unter den deutschen Sportjournalisten. Der ehemalige Chefredakteur des Kicker berichtete, ebenso wie VMS-Mitglied Jupp Suttner, zum 21.Mal als Journalist von Olympische Spielen (zehn Mal im Sommer, elf Mal im Winter). Er koordiniert das Standardwerk des DOSB. Uhrig ist seit 39 Jahren Mitglied im Verein Münchner Sportjournalisten. Er lebt in Baldham bei München. Mit Wolfgang Uhrig sprach Peter M. Lill.

Mal im Spaß gefragt: Kannst du dich noch an deine ersten Olympischen Spiele erin-

nern? Wann war denn das? Das erste Mal vergisst man nie - auch nicht Olympia. Das war bei den Winterspielen 1964 in Innsbruck. Als vor dem Stadion die "Olympiasieger Kilius/Bäum-

ler" auf Sondermarken ausverkauft waren und man kurz darauf drin in der Halle den wahren Paarlaufsiegern Beloussowa/Protopopow aus der UdSSR die Goldmedaille umhängte. Was für eine Enttäuschung - auch für mich, einen langjährigen Zeitzeugen der Karriere von Kilius/

Bäumler, als Reporter für die Nachrichtenagentur SID.

 

Wie sah früher für Journalisten die Arbeitswelt bei den Spielen aus? Diese Welt hatte für uns schon immer Grenzen. Man konnte sie aber früher leichter mit Tricks überwinden. So lieh ich mir in Mexiko City 1968 mal den Olympia-Anzug von Manfred Steffny aus, damals für Deutschland Starter im Marathonlauf und wie ich SID-Redakteur. Mit dieser offiziellen Uniform schlenderte ich ungehindert in den Innenraum des Stadions, an einem denkwürdigen Tag, am 18.Oktober. Weitsprung stand auf dem Programm, und gleich im ersten Versuch flog der Ami Bob Beamon hinaus auf 8.90 Meter, mehr als einen halben Meter über dem Weltrekord ! Zu-

fällig nur ein paar Schritte von der Grube entfernt staunte ich über das Unfassbare, erlebte diese totale Verwirrung des Kampfgerichts, wo niemand das Ergebnis glauben wollte, da auch obendrein die Messtechnik versagte und erst eine Handmessung die Weite bestätigte. Bea-

mon führte einen Veitstanz auf, er wurde von einem Weinkrampf geschüttelt, warf sich völlig aufgewühlt ins Gras - und ich hatte meine Story, sozusagen weltexklusiv direkt vom Tatort.

 

Welche Spiele waren die schönsten für dich? Sydney 2000, wegen der Freundlichkeit der Gastgeber in Australien. Für Winterspiele trifft das mit Abstand auf Lillehammer 1992 zu. In der Organisation unübertroffen waren die Chinesen mit Peking 2008. Tief in meiner Erin-

nerung ist auch Innsbruck 1976 mit den völlig überraschenden Erfolge der goldigen Rosi Mittermaier von der Winklmoosalm. Oder Los Angeles 1984, wo Ulrike Meyfarth erneut Gold im Hochsprung gewann - zwölf Jahre nach ihrer Sensation als Teenager in München, damals, mit gerade mal sechzehn.

 

München 1972...... ist unvergesslich, Traum und Trauma zugleich. Gerade jetzt kommen we-

gen der Zeitachse zu 2012 alle Bilder ja wieder hoch: die Tage voller Schönheit des Sports, die Begeisterung des Publikums, die Freude der Menschen in München. "Mein" Olympia, "mein" Heimspiel. Und dann das - das Attentat in der Nacht vom 4. auf den 5. September. Eine fürchterliche Tragödie, die ich noch immer nicht fassen kann. Die mich bewegt, auch noch 40 Jahre danach. Von Willi Daume, damals NOK-Chef, stammt der Satz: "Sie haben uns die See-

le aus dem Leib geschossen."

 

An welche Spiele erinnerst du dich nicht so gerne und warum? Wie gesagt, an Mün-

chen und das Massaker. Aber auch an Montreal 1976 und an Atlanta 1996.

 

Als Terrorist verdächtigt und zwei Tage im Knast

 

Warum Montreal 1976? In Montreal geriet ich als Reporter über das Military-Reiten irrtümlich in einen Bereich, der wegen des hohen Gastes Elizabeth II. für Medienvertreter nicht zugelas-

sen war. Die Queen wollte von der Tribüne aus sehen, was ihre Tochter, Prinzessin Anne, auf ihrem Pferd anstellt. Plötzlich packen mich zwei Polizisten, reißen mir die Akkreditierung von der Brust, schleppen mich in horizontaler Lage aus dem VIP-Bereich und werfen - ja, werfen ! - mich in ihrem Revier in einen Zehn-Quadratmeter-Raum hinter Gittern auf eine Pritsche.

 

Das Aus für Olympia? Dachte ich auch. Zwei Tage lang Einzelzelle, helle Panik. In mir, in Deutschland bei meiner Frau, die über Freunde aus der BILD-Zeitung von meinem Gefängnis erfuhr, Aufregung unter den deutschen Kollegen. Erst durch Druck, den unser VMS-Kollege Uli Kaiser beim IOC über Willi Daume machte, kam ich wieder frei und konnte weiter arbeiten. Wie sich herausstellte, hielten mich die kanadischen Behörden trotz offizieller Presselegiti-

mation für den deutschen Terroristen Christian Klar.

 

Und was war mit Atlanta 1996 ? Ein Getränkekonzern war dort der Hauptsponsor. Und die-

ser machte bei den Spielen mit seinem alten Werbespruch "Coco-Cola eisgekühlt" alle Ehre - Olympia hatte dort null Atmosphäre.

 

Von welchen Disziplinen berichtest du besonders gerne? Meine ganz besondere Zu-

neigung gilt den Leichtathleten, für mich die Mutter des Sports. Und speziell bewundere ich hier die Zehnkämpfer, ebenso aber auch noch die Sparte Kunstturnen.

 

Wie haben Handy, Laptop oder Internet den Medienbereich verändert ? Wenn ich mich zurück erinnere an Innsbruck 1964, wo damals noch Hunderte eingepfercht auf ihrer Reiseschreibmaschine rumhämmerten und dadurch einen Höllenlärm verursachten. Zwischen-

durch immer wieder Lautsprecheraufrufe von einer Telefonzentrale für Kollegen, die nach der Vermittlung über das Fernamt endlich ihre Heimatredaktion an der Strippe hatten, oft erst nach stundenlangem Warten. Dagegen ist es jetzt angenehm ruhig in so einer Werkstatt, da stört heutzutage höchstens mal das Husten eines Kollegen - oder ein Fluch, wenn mit dem Laptop was nicht klappt.

 

Thema Kollegialität bei den Spielen: Wie schätzt du sie allgemein ein und was hat sich diesbezüglich in all den Jahren besonders verändert? Aus meiner persönlichen Sicht nichts. Da man ja an jedem Tag nicht gleichzeitig an jedem Ereignis teilhaben kann, ist zum Beispiel der Informationsaustausch unter den Kollegen immer toll. Ich würde sagen, dass die Atmosphäre unter alten Bekannten früher wie heute ausgesprochen familiär war und we-

iterhin ist, hier helfen alle allen. So, als werde ein allgemeiner Druck zum Kitt, der uns zusam-

men hält.

 

Medaillen für die Statistik - Geschichten bleiben im Gedächtnis

 

Was würdest du jungen Kollegen empfehlen, die zum ersten Mal von Olympia berich-

ten? Beim Schreiben daran denken: Olympia ist mehr als nur Ergebnis - Medaillen bleiben in der Statistik haften, Geschichten im Gedächtnis.

 

Was für eine Aufgabe hast du in London? Nach den Jahrzehnten im aktuellen Stress kann ich es heute vergleichsweise ruhig angehen lasen: Ich koordiniere als Chefredakteur die Ar-

beiten einer Reihe von guten, ausgewählten Journalisten für das Buch der Olympischen Sport-Bibliothek, Standardwerk des Deutschen Olympischen Sportbundes.

 

Wie sehen deine Erwartungen aus? Werden es besonders gute Spiele? Es werden besonders gute Spiele, mit Sicherheit - und das auch im Wortsinne: London gibt dafür sage und schreibe 1,3 Milliarden Euro aus. An den Wettkampfstätten arbeiten 23.000 Leute einer privaten Security-Firma, 13.500 britische Soldaten sind permanent im Einsatz, das sind zum Beispiel mehr als in Afghanistan.

 

Die deutschen Olympia-Dinos: Deister, Suttner Uhrig

 

Bist du in London der „dienstälteste“ deutsche Olympia-Berichterstatter oder hat jemand in Deutschland mehr Spiele in seiner journalistischen Vita? Nach einer gerade veröffentlichten Rangliste des Sportpresseweltverbandes AIPS stehen in Deutschland drei Kollegen mit jeweils 21 Olympiaeinsätzen ganz vorne: Das sind neben mir noch Günter Deister von der Deutschen Presseagentur und Jupp Suttner, freier Journalist, aus unserem VMS. Weltweit bedeutet das für uns drei gemeinsam Platz zwei. Nummer eins unter den Dinos ist laut AIPS ein Kanadier namens Richard Garneau.

 

Ist Olympia für dich noch etwas Besonderes? Ich glaube nicht, dass einer sagt, das lasse ihn kalt. Auch ich bin noch immer mit Herzblut dabei, kriege bei Eröffnung- oder Schlussfeier schon mal Gänsehaut. Bei Olympia dabei zu sein, war und ist noch immer ein ganz besonde-

res Geschenk. Und (schmunzelnd), Gottseidank, war ich in den 52 Jahren meines Berufs-

lebens zu Olympia immer grad´ wieder in einem Verlag beschäftigt, der mir das dann finanziert hat.

 

Wenn du für ein Tag IOC-Präsident wärst, was würdest du bei den Olympischen Spie-

len ändern und was hätte im Medienbereich Priorität? Dass es wieder einmal so sein möge wie während meiner Anfänge: immer ein freier Zugang in das Olympische Dorf, ungehin-

derter Kontakt zum Sportler, die Möglichkeit zum Besuch aller Wettkampfstätten. Alles früher kein Problem - was im Rückblick auch verständlich ist, bei nur ein paar hundert Journalisten und im Gegensatz zu den über 10.000 akkreditierten Journalisten in London. Da müssen heutzutage überall Grenzen gezogen werden, was ja durchaus nachvollziehbar: Olympia ist nun erst einmal für Sportler da.

 

Abschlussfrage und natürlich unvermeidlich: Sind London deine letzten Olympi-

schen Spiele ? Ganz sicher als Berichterstatter - Sotschi 2014 im Winter oder Rio de Janeiro 2016 im Sommer erlebe ich höchstens als Tourist, wenn überhaupt. Das Olympische Feuer wird dann in mir noch immer brennen, die Flamme für das Schreiben aber ist mit der Schlussfeier am 16.Tag von London 2012 endgültig erloschen.

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