Verein Münchner Sportjournalisten
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Ausgezeichnet

Sportjournalistenpreise für SZ und SPOX

Agentur Grabner Beeck Komminkation ließ 20.000 Sportler abstimmen

(6. Oktober 2015) – Die Agentur Grabner Beeck Kommunikation verlieh in Hamburg ihren Sport-

journalistenpreis 2015 in zehn Kategorien. Die Preisträger wurden in einer Umfrage unter 20.000 Sportlerinnen und Sportler ermittelt.

 

In der Kategorie „Bester Sportteil in einer Ta-

geszeitung“ gewann die Sportredaktion der Süddeutschen Zeitung, für die der Berlin-Kor-

respondent Xavier Cáceres den Preis entgegen nahm.

 

Die Laudatio hielt Christoph Daum. Der Fuß-

balltrainer rühmte die SZ: „Alles was diese Zeitung ausmacht, wird nicht zuletzt von ihrer großartigen Sportredaktion geprägt.“ Sie habe „großartige Schreiber, die es in Zeiten des In-

ternets mit seiner Flut an Informationen immer wieder beeindruckend und dankenswerter Weise auch oft mit einem Augenzwinkern schaffen, einen anderen, einen neuen Blick-

winkel für ein Thema zu finden. Sie hat aber vor allem auch hartnäckig recherchierende Reporter, die sich durch große Kompetenz auszeichnen, die sich nichts vormachen las-

sen, sich nicht einschüchtern lassen.“ Das musste einst auch Daum erfahren, dem der SZ-Autor Ludger Schulze zur Haarprobe riet – mit fatalem Ergebnis.

 

Für den besten „Sportinternetauftritt“ wurde spox.com ausgezeichnet. „Es ist eine große Ehre für uns, den deutschen Journalistenpreis gewonnen zu haben“, sagte Dirk Ifsen, Geschäftsführer der Perform Media Deutschland GmbH. Er lobte für die „tolle Leistung“ das SPOX-Team um Chefredakteur und Content Director Haruka Gruber, Mitglied im Verein Münchner Sportjournalisten.

http://www.spox.com/de/sport/mehrsport/1510/Artikel/deutscher-journalistenpreis-spox-beste-sport-website-2015.html

Alle Gewinner:

Kategorie: Beste/r Newcomer/in
1.Annika Zimmermann, ZDF
2.Nele Schenker, Sport1 (VMS)
 

Kategorie: Beste/r Sportkommentator/in
1.Frank Buschmann, ran  (VMS)
2.Wolf-Christoph Fuss, Sky  (VMS)

Kategorie: Beste/r Sportmoderator/in
1.Matthias Opdenhövel, ARD
2.Anett Sattler, Sport1

 

Kategorie: Bester Sportinternetauftritt
1.spox.com
2.sport1.de
3.11freunde.de
 

Kategorie: Bester Sportauftritt in einer Tageszeitung
1.Süddeutsche Zeitung
2.BILD
3.Frankfurter Allgemeine Zeitung
 

Kategorie: Beste Sportfachzeitschrift
1.SPORT BILD
2.Kicker-Sportmagazin
3.11 Freunde
 

Kategorie: Bester Sportteil in einer Wochenzeitung/einem Magazin
1.BILD am Sonntag
2.Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
3.Spiegel

 

Kategorie: Beste Sportsendung
1.Bundesliga Konferenz, Sky
2.DKB Handballbundesliga, Sport1
3.Champions League, Sky
 

Kategorie: Beste/r Sportexperte/in
1.Oliver Kahn, ZDF
2.Mehmet Scholl, ARD
3.Ottmar Hitzfeld, Sky

Bayerischer Sportpreis 2015

(11.07.2015) Es war ein gelungener Abend als im Rahmen einer Gala der Bayerische Sportpreis 2015 vergeben wurden. Bei der 14. Auflage dieses bereits traditionellen Preises waren einmal mehr auch VMS-

Mitglieder als Protagonisten dabei. Anna Kraft und Wolff-Christoph Fuss eröffneten die Preisverleihung mit einer höchst launigen und unterhaltenden Laudatio auf den FC Bayern München, der als erster Bundesligaverein in einem Jahr die Deutsche Fußball-Meisterschaft sowohl bei den Frauen, als auch bei den Männer feiern konnte.

VMS-Mitglied Nick Golüke wurde zusammen mit Michael Müller für den Dokumentarfilm "Landauer – verehrt, verfolgt, vergessen" ebenso ausgezeichnet, wie Hans Steinbichler, der  Regisseur des Spielfilms  "Landauer - Der Präsident".

 

Alle Preisträger:

https://www.sportpreis.bayern.de/wp-content/uploads/pressemitteilung2015.pdf

Behindertensportverband ehrt Journalisten

Von links: Frank Hollmann (BR), Joachim Day (Dachau-tv und Christoph Benesch (Nürnberger Zeitung).

Medienpreis des BVS für VMS-Mitglied Joachim Day

(29. August 2015) – Der Bayerische Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband ((BSV) übergab seine Medienpreise 2014. „Der Behindertensport lebt auch von der Dar-

stellung in den Medien, die Leistungen herausstellen“, sagte Moderator Werner Rabe bei der Preisverleihung auf der Olympia-Schießanlage in Hochbrück während der deutschen Meisterschaften der Sportschützen. Weiter

VMS-Mitglieder räumen in Schwerin ab

Alexander Hassenstein, Martin Volkmer, Thomas Walz, AIPS-.Präsident Gianni Merlo, Claudio Catuogno, Christian Eichler, Diethelm Straube, Mathias Frohnapfel. Foto: Marvin Güngör/GES-Sportfoto.

Fotopreise für Alexander Hassenstein und Frank Hörmann

(20. April 2015) - Erfolgreicher Gala-Abend für den VMS: Gleich in mehreren Katego-

rien waren Mitglieder des VMS bei der Verleihung der VDS-Preise in Schwerin  vertre-

ten. Und natürlich genossen die Geehrten den feierlichen Rahmen in der Mercedes Benz Niederlassung Ostsee.

 

Verbandspräsident Erich Laaser dankte allen Teilnehmern für herausragende Arbeiten,

von den sich Lorenz Caffier, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, sehr ange-

tan zeigte.

 

Alexander Hassenstein von Getty Images überzeugte die Jury mit einem besonderen Schuss und gewann mit seinem Foto „Gold in den Händen“, das Maria Höfl-Riesch mit ihrer Goldmedaille zeigt, den ersten Preis in der Kategorie Sport allgemein Feature.

 

Den dritten Platz in der Kategorie Sport allgemein, Action errang Frank Hörmann mit seinem Bild eines Snowboarders in der Halfpipe. Er nannte es „Auf Biegen und Brechen“.

Christian Eichler siegt mit der Geschichte vom Boxer in Auschwitz

 

Sieger in der Kategorie Großer VDS-Preis, Reportage ist Christian Eichler. Der Jour-

nalist aus Krailling schilderte für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die bewegende Ge-

schichte von Noah Klieger, der als Boxer Auschwitz überlebte. In seinem Text deckt er unter dem Titel „Das Glück des Boxers von Auschwitz“ auf, wieso diese Lebensge-schichte lange verfälscht wiedergegeben wurde. Eichler durfte sich über ein Preisgeld von 2.000 € freuen.                                                                                   Ausgezeichnet

Beim Online-Preis gewinnt Sport1 vor der SZ

Zudem sicherten sich VMS-Mitglieder beim Großen Online-Preis die ersten beiden Plätze. Mathias Frohnapfel aus Ismaning wurde, gemeinsam mit seinem Team von SPORT1 Christian Ortlepp(VMS), Michael Obermeier und Nele Schenker, für das multi-

mediale Stück „Die WM auf dem Wüstenplaneten – Katar 2022“ mit Platz eins ausgezeichnet. In der Story geht es – unterlegt mit Videos, Bildergalerien und Radio-Interviews - um die Vorbereitungen auf die WM 2022, über ein Land im Umbruch und die brutalen Bedingungen auf vielen Baustellen im WM-Gastgeberland Katar.

 

Den zweiten Platz belegte Claudio Catuogno von der Süddeutschen Zeitung. Er hatte, zusammen mit Christof Kneer, Martin Schneider, Philipp Selldorf und Benedikt Warm-

brunn (VMS) das Stück „Der Weg zum Titel - WM 2014“ eingereicht. Auch diese groß

angelegte Nachbetrachtung des deutschen Wegs zu Weltmeisterehren, erschienen im Dezember 2014, fand großen Anklang bei der Jury.

 

Die beiden Preisträger und ihre Teams durften Preisgelder in Höhe von 2.000 bzw. 1. 500 Euro mit nach Hause nehmen.

 

Martin Volkmar, Vorsitzender des Arbeitskreises Online im VDS und Beisitzer im VMS-

Vorstand, saß mit in der Jury für den Onlinepreis und war für den VMS ebenso an bei-

den Tagen in Schwerin vor Ort wie der 1. Vorsitzende des VMS, Thomas Walz und VMS-Geschäftsführer Diethelm Straube.

VDS-Berufswettbewerbe 2015

VMS-Mitglied Christian Eichler gewinnt den Großen Preis

Das Glück des Boxers von Auschwitz

Im Vernichtungslager, sagt Noah Klieger, „hat niemand überlebt, wenn nicht durch viele kleine Wunder“. Eines davon war das Faustkampf-Faible eines SS-Mörders. Es gab ei-

nigen Männern eine kleine Chance zu überleben. Klieger ist der letzte von ihnen – und erzählt, warum ihre Geschichte verfälscht wurde.

Noah Klieger ist ein kleiner, kräftiger Mann. Weißes Haar, hellwache Augen. Die Augen ei-

nes bald 88-Jährigen, der früher sagte: „Ich war nicht lange jung“. Und nun hinzufügt: „Heu-

te bin ich jung“. Ein Frühlingsnachmittag in Berlin. Noah Klieger ist gekommen, um von der Hölle zu erzählen. Und von den Wundern.

 

Es hat niemand Auschwitz überlebt, wenn nicht durch viele Wunder“, sagt er. Eines der Wunder, die ihn überleben ließen, war die Box-Leidenschaft von Heinrich Schwarz, dem Kommandanten von Auschwitz III/Monowitz. Dieses Nebenlager, „Buna“ genannt, diente der Versorgung der Chemiefabriken der IG Farben mit Arbeitssklaven, die sich dort, wie Klieger sagt, „totarbeiten sollten“.

 

Einige sollten vorher aber auch ihre Mörder unterhalten. Im Boxring. „Die Boxkämpfe waren ein Zeitvertreib für ihn“, sagt Klieger über Schwarz. Er lässt einen Satz folgen, der auch nach siebzig Jahren noch wie ein Schlag zum Kinn ist. Ein Überlebender von Auschwitz sagt über einen später aufgehängten SS-Massenmörder: „Er hat den Sportlern geholfen. Es war gut für ihn. Für uns auch.“

"Wir waren keine Gladiatoren"

Die Boxer von Auschwitz: Noah Klieger war einer von ihnen. Er ist der Letzte, der lebt. Es gibt vielleicht keine andere Geschichte vom Leben im Todeslager, die von so vielen Mythen und Märchen umrankt ist. Bücher, Biographien, ein Comic sind über dieses einzigartige Ka-

pitel Sportgeschichte erschienen. Fast alle haben die Kämpfe im Vernichtungslager auf ihre Art dramatisiert - meist als besondere Schikane der SS-Schergen, als zynische Kopie anti-

ker Gladiatorenkämpfe, als Kämpfe auf Leben und Tod.

 

Die Wahrheit war banaler. „Wir waren keine Gladiatoren“, sagt Klieger. „Es waren Schau-kämpfe. Wir wurden nicht umgebracht, wenn wir verloren hatten. Sonst wären nach einigen Wochen keine Boxer mehr übrig geblieben.“ Die Wahrheit ist: Um zu überleben, musste man nicht gewinnen. Aber man musste boxen.

 

Die Geschichte begann, als der 16-jährige Noah Klieger, in Straßburg geboren, in Belgien als Mitglied einer zionistischen Untergrundgruppe von der Gestapo verhaftet, im Januar 1943 an der Rampe von Auschwitz-Birkenau eintraf. Als kräftiger junger Bursche gehörte er nicht zu den rund zwei Dritteln der Ankömmlinge, die von Josef Mengele sofort in die Gas-

kammern geschickt wurden.

Kein Boxer ein Straßenschläger

Nach einer ersten Nacht unter freiem Himmel bei minus 25 Grad, in der Hunderte erfroren, „ging am nächsten Morgen das Tor auf, zwei SS-Leute kamen und brüllten: Wer von Euch ist Boxer?“, erzählt Klieger. „Vier haben sich gemeldet“. Nur zwei waren es wirklich: die Nie-

derländer Sally Weinschenk, ehemaliger Amateur-Europameister im Weltergewicht, und Sam Pots, 19 Jahre, Schwergewicht. Der dritte war Fußballer, Jean Korn, einer der besten Torhüter Belgiens. Der vierte: Klieger. „Dabei war ich kein Boxer. Ich war ein Straßenschlä-

ger. In den Schulen waren die jüdischen Schüler oft verprügelt worden. Bis wir eine Gang bildeten und uns wehrten“.

 

Es war „so ein Bauchgefühl“, die Hand zu heben. Der Instinkt, das Unerwartete zu tun, um zu überleben. Tricksen, fintieren, vorspielen. Wie ein guter Boxer, der er nicht war. Zum Glück für Klieger sollten die Kämpfe erst Monate später beginnen. Bis dahin zeigte ihm Weinschenk, „wie sich ein Boxer deckt. Und wie er gleitet, immer beide Füße auf dem Boden, um das Gleichgewicht zu behalten, wenn er getroffen wird“.

 

Klieger behielt sein Leben lang beide Füße auf dem Boden. Aber das reichte natürlich nicht, um im Ring überleben zu können. Ein Boxer namens Jacko Rason, griechischer Meister im Leichtgewicht, sagte voraus: „Beim ersten Kampf merken die, dass du kein Bo-

xer bist. Die schicken dich vom Ring in die Gaskammer.“ Also schlug er vor: „Für den er-

sten Kampf gehe ich mit dir in den Ring. Ich lasse dich durch meine Deckung, damit du aussiehst, als wenn du was verstehst vom Boxen. Ich treffe dich auch, aber ich werde nicht richtig zuschlagen.“

Ein Bluff rettet das Leben

Der Bluff gelang. Klieger bestritt 22 Kämpfe, verlor alle, blieb aber in der Boxstaffel, bis zu ihrer Auflösung im April 1944. Das bedeutete einen halben Trainingstag pro Woche, eine kleine Auszeit von der täglich elfstündigen, mörderischen Zwangsarbeit. Und vor allem: besseres Essen. „Schwarz ließ jeden Abend an seine Boxer einen Extra-Liter Suppe ver-

teilen, richtige Suppe, mit Kartoffeln und Fleisch“ - nicht die übliche „Buna-Suppe“ aus ge-

frorenen Schweinsrüben. „Die Suppe hat mich fünf, sechs Monate gerettet, sonst hätte ich das Lager nicht überlebt.“

 

Der Boxbetrieb entsprach einem Stück Normalität im organisierten Wahnsinn. Er war so perfekt geplant wie das industrielle Töten. Es gab eine Boxhalle mit Ring, Sandsäcken, Punchingballs, Hanteln, Duschkabinen. Und einen Trainer namens Kurt Magatanz, vor dem Krieg deutscher Meister im Halbschwergewicht. Dazu war er auch dreifacher Raubmörder – einer der privilegierten Häftlinge, die nicht als Juden oder als politische Gefangene ins KZ kamen, sondern als Schwerverbrecher. Die SS benutzte sie als Aufpasser.

 

Die Kämpfe fanden am arbeitsfreien Sonntag statt. Bei Sonne auf dem Appellplatz, wo alle 16.000 Lagerinsassen zusehen konnten; bei Regen in der Halle, wo Platz nur für die 400 SS-Leute war. Man kämpfte nach den gültigen Amateur-Regeln, dreimal drei Minuten, mit Handschuhen und Ringrichter, einem SS-Mann. Er bestimmte am Ende den Sieger. „Die Resultate waren nicht wichtig“, betont Klieger. „Es wurde ja mit großem Gewichtsunter-

schied geboxt, bis zu zwanzig Kilo.“

Der Film erzählt eine andere Geschichte

Stundenlang erzählt Klieger unermüdlich, in seinem kraftvollen, präzisen Deutsch, das er in der Lagerzeit aufschnappte – eine von acht Sprachen, die sein Gedächtnis so sicher spei-

cherte wie all das Erlebte. Er könne einfach nichts vergessen, sagt er: „Mein Gedächtnis ist mein großer Schatz.“ Es macht ihn wütend, wenn statt der Fakten, die sich ihm einbrann-

ten, Märchen über die Auschwitz-Boxer erfunden und weiterverbreitet werden, nur um die Story in ein griffiges Klischee zu pressen.

 

Vor allem in Filmen wurde die Geschichte wild verfälscht. Schon 1963, als Manfred Krug als Lagerkommandant in „Der Boxer und der Tod“ einen Häftling vor der Exekution bewahrt, um ihn als privaten Sparringspartner zu benutzen. Und noch 2013, als ein französischer Film die Boxer von Auschwitz auf den Versuch der Nazis reduziert, im Ring arische Über-

legenheit zu beweisen. Am Ende muss der halb verhungerte Jude Victor „Young“ Perez über 15 Runden gegen einen riesigen Nazi-Boxer antreten – und verlieren, um zu über-

leben. Solche Boxkämpfe zwischen SS und Häftlingen gab es nur in der Fiktion. Echte sportliche Duelle hätten wenigstens einen Hauch von Chancengleichheit zwischen den Herrenmenschen und ihren Opfern erfordert - die in der Realität nicht existierte.

 

Klieger wurde in Auschwitz ein Freund von Perez, dem Fliegengewichtler aus Tunis, 1931 mit 20 Jahren jüngster Profi-Weltmeister der Geschichte. Obwohl als bester Boxer im Stall „der Liebling des Kommandanten“, nahm Perez ein besonders tragisches Ende. Nach ei-

nem Fluchtversuch wurde er zwei Wochen lang im berüchtigten „Bunker“ gefoltert. „Die haben ihn fast totgeschlagen“, sagt Klieger. „So lange, bis er nicht mehr klar im Kopf war.“ Beim „Todesmarsch“ aus Auschwitz im Januar 1945, auf dem die vor der Roten Armee fliehende SS 57.000 Häftlinge Richtung Westen trieb (nur 19.000 überlebten), wurde Perez vor Kliegers Augen erschossen. Er hatte die Marschordnung gestört.

"Man muss nichts hinzudichten"

Viele Verfälschungen der Geschichte der Auschwitz-Boxer gehen nach Kliegers Meinung auf Salomon Arouch zurück. Manche Überlebende glaubten, „es genüge nicht, die Wahr-

heit zu erzählen“, beklagt er. „Sie glaubten, dass man die Dinge übertreiben muss, um sie interessanter zu machen. Dabei reicht es, ganz einfach zu erzählen, wie man in Auschwitz lebte und starb. Man muss nichts hinzudichten.“ Als einer der Überlebenden der Staffel lieferte Arouch in den 60er Jahren einem Hollywood-Regisseur die gewünschten filmreifen Dramatisierungen für den Streifen „Triumph des Geistes“; darunter die Legende, dass es im Ring um Leben und Tod ging.

 

Dabei brachte das Boxen in Auschwitz in Wirklichkeit nicht den Tod; sondern eine Chance, ihn hinauszuzögern. „Für mich war es ein Glück“, sagt Klieger. Aus der rund dreißigköpfi-

gen Staffel überlebten nach seiner Erinnerung sieben oder acht, darunter der Torwart Jean Korn, der mit 92 in Brüssel starb. Es ist eine zehnmal höhere Überlebensquote als die des durchschnittlichen Auschwitz-Häftlings.

 

Von knapp 1,3 Millionen Juden haben weniger als 50.000 Auschwitz überlebt. Heute sind nur noch ein paar Hundert übrig.“ Klieger sieht es seit fast sechzig Jahren als „Mission“, in aller Welt Jüngeren davon zu berichten. „Man kann sich Auschwitz nicht vorstellen. Man kann Auschwitz nicht erklären. Man kann das nur erzählen.“ An diesem Montag, dem jü-

dischen Gedenktag der Shoah, kehrt er zum Ort des Grauens zurück, um wie jedes Jahr mit Tausenden anderen den „Marsch der Lebenden“ von Auschwitz nach Birkenau zu ge-

hen.

"Die deutsche Sprache ist nicht schuld"

Im Vorwort zu Kliegers Autobiographie schrieb sein Freund Elie Wiesel, der Friedensnobel-

preisträger, der auch in Auschwitz III saß: „Noah Klieger ist die Geschichte dieses Jahrhun-derts“. Klieger stimmt ihm zu: „Ich bin wirklich mehr oder weniger das Jahrhundert. Leider Gottes“. Er hat vier Lager, zwei Todesmärsche, zwei Jahre Auschwitz überlebt. Nach dem Krieg traf Noah Klieger seine Eltern in einer Straßenbahn in Brüssel wieder – auch sie wa-

ren Auschwitz lebend entkommen, ein einmaliger Glücksfall: „Meine Familie ist die einzige, die Auschwitz überlebte".

 

Drei Jahre nach dem Krieg war Klieger auf der „Exodus“, jenem Flüchtlingsschiff, das eine historische Rolle bei der Gründung Israels spielte – als Besatzungsmitglied, auch da als „der Letzte von ihnen, der noch lebt“. Seit fast sechzig Jahren schreibt er als Sportjournalist (über Basketball, nicht über Boxen) und als politischer Kolumnist für die auflagenstärkste israelische Zeitung Jedi’ot Acharonot. Er gilt als dienstältester Zeitungsredakteur der Welt.

 

Mit einem Artikel öffnete er der deutschen Sprache den Weg ins israelische Parlament. 2008 wollte die Bundeskanzlerin in der Knesset auf Deutsch reden, es gab Widerstand in Israels Politik und Öffentlichkeit. „Da schrieb ich einen Leitartikel: Die Merkel soll ruhig Deutsch sprechen. Die Sprache ist an nichts schuld.“ Klieger gilt in Fragen der „Shoah“ als moralische Instanz in Israel. Sein Artikel stimmte die Parlamentspräsidentin um. Die Kanz-

lerin lud ihn zum Mittagessen ein.

 

Auch beim Besuch von Joachim Gauck 2012 war er Bankett-Gast. Erst verstand er nicht, warum auf der Einladung unterschiedliche Namen für den Bundespräsidenten und seine Begleitung standen. Dann begriff er und staunte: „Ein protestantischer Pfarrer, der verhei-

ratet ist und mit einer anderen Frau lebt, als Bundespräsident. Komische Sitten heute.“

 

Er lacht herzlich. Darüber, dass dieses Land heute unpünktliche Züge hat und unfähige Flughafenplaner und einen Bundespräsidenten in wilder Ehe. „Deutschland“, sagt Noah Klieger am Ende des Berliner Frühlingsnachmittags, der eine Reise durch ein Jahrhun-

dertleben war: „Deutschland ist nicht mehr das, was es einmal war“. Es ist ihm eine Freude.

Harry Valérien in Hall of Fame des deutschen Sports

Die feierliche Aufnahme war am Vorabend des DFB-Pokalfinales im Berliner Hotel Adlon Kempinski bei der BenefizGala „Goldene Sport-

pyramide 2013“. Die Laudatio hielt Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich.

Die Vorschläge für die Wahl 2013 wurden von den drei Partnern und ideellen Trägern der „Hall of Fame des deutschen Sports“ gemeinsam erstellt: Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB), Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS), mit einer Abstimmung bei der Jahresversamm-

lung in Mainz, und Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH).

 

Weitere neue Mitglieder in der Hall of Fame: Joachim Deckarm (Kategorie besonderer Kämpfer) und Friedrich Ludwig Jahn (Ideengeber des Sports).

Katrin Freiburghaus (29), freie Journalistin, Mitglied im Verein Münchner Sportjournalisten (VMS), wurde im DOSB-Preis (Deut-

scher Olympischer Sportbund) mit dem 1. Preis ausgezeichnet. "Zurück im Panzer" handelt von der Hockey-Torhüterin Kim Platten. Er wurde auch beim Helmut-Stegmann-Nachwuchs-Förderpreis des VMS prämiert. Außerdem belegte die Autorin im VDS-Nach-

wuchspreis den zweiten Platz mit "Menschen statt Illusionen", einem Text über die ehemalige Eiskunstläuferin Eva-Maria Fitze. Beide Artikel erschienen in der Süddeutschen Zeitung.

Zurück im Panzer

Ein harmloser Zusammenprall im Trianing war für die Münchner Hockey-Torhüterin Kim Platten das Ende ihrer Hoffnungen auf Olympia. Acht Monate später trainiert sie wieder: für Rio de Janeiro 2016

Menschen statt Illusionen

Eva-Maria Fitze hat fast ihr ganzes Leben im Leistungssport verbracht — und gelitten. Jetzt bringt sie Kindern Eislaufen bei und macht eine Ausbildung zur Sportheilpraktikerin.

Die Geschichte des Mädchens, das fast am Leistungsdruck zerbrochen wäre, beginnt früh. Wer im Hochleistungssport keinen Schaden nehmen will, braucht ein sehr dickes Fell oder muss die Bereitschaft mitbringen, seinem Sport wirklich alles unterzuordnen. Auf Fitze traf weder das eine noch das andere zu, als sie – hoch talentiert und mit gewaltigem Ehrgeiz ausgestattet – 14-jährig an die deutsche Spitze glitt; als die bis dahin jüngste deutsche Mei-

sterin, beinahe noch ein Kind.

 

Sie wurde Siebte bei der Europa- und Zehnte bei der Weltmeisterschaft. Bereits als 12-Jäh-

riger hatte man ihr beigebracht, nach einer Kür in die Kamera zu lächeln. Man lehrte sie, dass es öffentliches Lob für gute Leistungen gab, in der Schule und auf dem Eis. Und harte Kritik, wenn es nicht lief.

 

Das alles ist gefährlich genug, wenn es um Erwachsene geht, die selbst entscheiden kön-

nen, wie weit sie sich verbiegen lassen. Was es mit einem 14-jährigen Mädchen macht, dass jede seiner Launen öffentlich kommentiert und bewertet wird, ist eine ganz andere Geschichte. Jeder hat in diesem Alter mal etwas auf den Boden geworfen, das sich nicht mehr reparieren ließ. Doch eine Entschuldigung bei der Mutter reichte meist, um von mil-

dem Lächeln begleitet ohne Gesichtsverlust aus der Nummer rauszukommen. Wenn es nicht um Eltern, sondern um Trainer geht, liegen die Dinge weit komplizierter. Erst recht, wenn das halbe Land über den mitunter temperamentvollen Umgang miteinander im Bilde ist und interessiert die neuesten Gift- pfeile begutachtet, die zwischen den Parteien hin- und herfliegen.

 

Fitze hatte kein dickes Fell,

sie nahm deshalb Schaden

 

Fitze räumt ohne Umschweife ein, dass sie manchmal schwierig gewesen sei, denn sie mochte sich nicht unterordnen. „Man kriegt in diesem Alter eine eigene Meinung, die man auch vertreten will. Ich sollte machen, was mir gesagt wurde“, sagt sie heute. Sie wider-

sprach, weil sie ihren eigenen Kopf hatte, und leistete sich damit etwas, das in dieser Sportart, in der Erfolg so sehr von Fleiß, Stressresistenz und bestimmten körperlichen Voraussetzungen abhängt, schon Karrieren beendet hat: eine Pubertät. Fitze hatte da kein dickes Fell. Sie nahm deshalb Schaden dabei. Großen.

 

Sie jammert nicht, und es fällt über niemanden, der sie begleitet hat, ein böses Wort. Im-

merhin erlebte sie auch viele schöne Momente während ihrer aktiven Zeit und besteht des-

halb auf der Feststellung, dass sie trotz allem keinen Tag bereue. Außerdem weiß sie den eigenen Anteil an den kleinen und großen Katastrophen ihrer Jugend gut einzuschätzen. Das mit der Sprunghaftigkeit, der Beratungsresistenz und vor allem die Sache mit dem ei-

genen Ehrgeiz, der sie vielleicht am schlimmsten unter Druck setzte. Aber es ging nie da-

rum, wer schuld war. Als sie vor 13 Jahren den Kampf gegen ihre Bulimie aufnahm und sich öffentlich zu ihr bekannte, war es für sie nicht entscheidend, wer wann über zu viele Kilos auf ihren Hüften gesprochen oder sie für mangelnde Einsatzbereitschaft angefahren hatte.

 

Sie blieb eigensinnig, auch nachdem zumindest aus medizinischer Sicht das Schlimmste überstanstanden war und sie einen neuen Anlauf als Einzelläuferin nahm. „Ich war in einer Lebensphase, in der ich mit mir selber nicht gescheit umgehen konnte. Mit 17 möchte man nicht trainieren, sondern Spaß haben. Und dann bin ich halt ins Training gekommen, wann ich wollte“, sagt sie. Sie lacht laut. Selbst darüber, dass sie damals aus allen Wolken fiel, weil es mit dieser Einstellung nicht zu den Olympischen Spielen in Salt Lake City gereicht hatte. Sie kann sich das heute leisten, weil sie weiß, dass sie vier Jahre später gemeinsam mit Rico Rex nach Turin fahren sollte, um mit der Olympia-Teilnahme ihr Karriereziel zu erreichen.

 

Ein Exempel dafür, was scheinbar Harmloses

In der Seele junger Menschen anrichten kann

 

Wenn sie über ihre Essstörung spricht, die im Kopf begann und durch das ständige Erbre-

chen anfing, ihren Körper zu zerstören, lacht sie nicht. Auch wenn sie vom damals allge-

genwärtigen Druck erzählt, spricht sie sehr ernst und bedacht. Denn all das sind Dinge, mit denen sie längst noch nicht fertig ist. Sie hat mit ihnen einen Waffenstillstand ausgehandelt, für den sie die Bedingungen diktiert hat. Die negativen Stimmen in ihrem Kopf zum Bei-

spiel, die lange ihr ständiger Begleiter waren, seien irgendwann verschwunden gewesen. Das ist eine beachtliche Leistung, die sie stolz macht. Trotzdem wirkt das Erlebte weiter nach. Dabei wollte ihr nie jemand etwas Böses. Fitze erfuhr Wärme aus ihrem Elternhaus und Unterstützung von allen Seiten, alle wollten sie fördern und voranbringen. Und doch ging es schrecklich schief – sie ist ein Exempel dafür, was scheinbar Harmloses in der Seele eines jungen Menschen anrichten kann.

 

Sie kann sich nicht vorstellen, im Leistungssport als Trainerin zu arbeiten, weil sie sich für die Talentierten in ihrer Gruppe einen Weg ohne Druck wünscht und gleichzeitig ahnt, dass das womöglich gar nicht geht. „Ich habe erlebt, was es bedeutet, wenn Trainer hart sind und durchgreifen“, sagt sie, „sobald ich merke, dass ein Kind Talent hat und erfolgreich sein will, zweifle ich daran, dass ich es über mich bringen würde, diesen Druck auf so kleine Menschen auszuüben. Ich habe selbst so viel Druck erfahren – bis sich das regeneriert, dauert es ein ganzes Leben.“

 

Bei ihrer vorerst letzten Kreuzfahrt im vergangenen Frühjahr wurde ihr das erneut bewusst: Sie war wütend, weil die Sprünge nicht klappten, und schalte auf stur, weil sie sie trotzdem zeigen wollte. „Da sind Symptome zutage getreten, bei denen ich mich wieder wie 14 ge-

fühlt habe“, sagt sie. Grundsätzlich könne sie heute, mit 30, aber von sich behaupten, seit ein paar Jahren erwachsen zu sein. Sie besitzt diverse Trainerlizenzen, ist Weight-Coach, technische Spezialistin fürs Einzel- und Paarlaufen, und als Nächstes steht die Ausbildung zur Sportheilpraktikerin an. Was sie mit all diesen Qualifikationen vorhat? Die Betreuung von Kunden in einem Fitness-Studio oder einer Therme würde sie reizen. Massieren, Pila-

tes-Stunden geben und Ernährungspläne erstellen. Das klingt im ersten Moment eine Num-

mer zu unspektakulär im Vergleich zu dem Leben, das Fitze vor der Normalität führte. Doch für sie kommt das vermeintlich Banale einer Befreiung gleich. „Ich empfinde es als Berei-

cherung, mit Menschen zu arbeiten statt mit Illusionen“, sagt sie. Kein Zweifel: Sie weiß, wovon sie spricht.

Preisverleihung in Mainz, mit Moderator Norbert König (r.).

Michael Neudecker (34), Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Mitglied im Verein Münchner Sportjournalisten (VMS), wurde im Großen VDS-Preis (Reportage) mit dem 2. Preis ausgezeichnet. Der Text "Balljunge" über ein Tennis"Wunderkind" erschien in der Süddeutschen Zeitung.

Balljunge

Früher sind immer mal wieder Zufallshelden wie Boris Becker aufgetaucht. Heute giert die Sportbranche nach mehr

Ein Rückhandschlag, der Ball fliegt über das Netz, der Trainer rennt, rennt, vergeblich. Die Rückhand war gut, einhändig geschlagen, genau genommen ist das sogar unglaublich.

 

Mari Maattanen blickt durch die Glasscheibe hinunter in die Tennishalle, sie steht ganz ruhig, sie hat das schon so oft gesehen: wie ihr Junge den Ball über das Netz schlägt, wie der Ball für den Gegner schwer erreichbar ist. Wie der Junge dann grinst, sich freut, wie nur Kinder sich freuen.

 

Mari Maattanen sagt nichts, sieht nur zu. Manchmal kann man spüren, wenn Menschen stolz sind. Der Junge ist ihr Junge: ihr Wunderkind.

 

Der Junge lacht, der Trainer auch, er heißt Alexander Radulescu, ist 37 Jahre alt und war in den Neunzigern einer der besten Tennisprofis in Deutschland. Er ist hier, um den Jungen noch besser zu machen. Der Junge ist Mari Maattanens Sohn, er heißt Jan Kristian Silva, die Mutter nennt ihn Jani, er mag Spiderman und Youtube-Videos.

 

Er hat einen Manager, Sponsoren, mehrere Trainer, er ist schon in Talkshows aufgetreten, Zeitungen auf der ganzen Welt berichten seit Jahren über ihn, USA today, Los Angeles Times, Jakarta Post, in Frankreich haben sie eine Fernsehsendung nur über ihn gedreht. Im Dezember hat er Geburtstag: Er ist dann elf Jahre alt.

 

Hi, sagt Jan Silva, als er nach dem Training raufkommt, auf die andere Seite der Glas-

scheibe, hi, sonst nicht viel.

 

Geht’s dir gut?

 

Ja.

 

Hat das Training Spaß gemacht?

 

Ja.

 

Also dann, sagt der Manager, wir müssen los: Zur nächsten Trainingseinheit, ein paar Kilo-

meter weiter, andere Tennishalle, andere Gegner, Gleichaltrige diesmal.

 

Bye“, sagt Mari Maattanen, und hoffentlich, sie legt den Kopf ein wenig zur Seite, hoffent-

lich wird das ein schöner Artikel. Es ist schon vieles geschrieben worden über ihren Jun-

gen, das war nicht immer schön, nicht immer nett.

 

Es geht um die Frage,

wieviel Hingabe ein Kindertraum verträgt

 

Die Geschichte von Jan Kristian Silva ist ungewöhnlich und ein bisschen eigenartig, es geht um Tennis, aber vor allem geht es um den Wahnsinn einer Branche, die gehetzt nach Helden sucht, weil sie glaubt, ohne Helden nicht überleben zu können. Es geht um die Frage, wie viel Hingabe ein Kindertraum verträgt, die Frage, ob aus Unterstützung Druck werden kann, und wenn ja: wann? Ist es gut, wenn ein Zehnjähriger lebt wie ein Tennis-

profi, ohne feste Heimat, dafür mit festem Trainingsplan? Oder ist es immer nur das Un-

konventionelle, das befremdet?

 

Helden sind wichtig fürs Geschäft, sie geben dem Sport eine Relevanz auch außerhalb der Stadiongrenzen; so sieht das jedenfalls der Sport. Es gab einmal eine Zeit, da ist gelegent-

lich ein Maradona vom Himmel gefallen oder auch mal ein Pelé, aber das ist vorbei.

 

Heute fallen Helden nicht mehr vom Himmel, es wird gesichtet, gefördert, geplant, Zufalls-

helden sind zu selten, um den Durst einer sich selbst vermarktenden Gesellschaft zu stillen. Es gibt Talentscouts, Talentakademien, Talentmanagement, es geht um Geld, viel Geld.

 

Vor ein paar Jahren wurde der zwölfjährige Türke Muhammed Demirci berühmt, weil er im Fernsehen Kunststücke mit dem Fußball vorführte und der FC Barcelona ihn für angeblich eine Million Euro verpflichten wollte. Berichte über Kinder, die von Fußballklubs gekauft wer-

den, gibt es regelmäßig, erst vor Kurzem meldete der Sportinformationsdienst, der FC Barcelona habe dem englischen Klub FC Arsenal das 14-jährige kolumbianische Talent Giancarlo Poveda abgeworben.

 

Lionel Messi kam mit 15 zum FC Barcelona,

sein Marktwert wird auf 100 Millionen Euro geschätzt

 

Toll ist, was jung ist, so läuft das im Sport. Der Argentinier Lionel Messi kam mit 13 zum FC Barcelona, es heißt, er habe damals 600 Euro Gehalt bekommen. Inzwischen ist Messi 25, sein Marktwert wird auf 100 Millionen Euro geschätzt. Hundert Millionen Euro, acht Nullen: als Ablöse für einen einzigen Menschen.

 

Geld ist der Grund, weshalb der Sport nach Talenten lechzt, es sind Firmen entstanden wie Atlas Sports Genetics in den USA: Das Unternehmen bietet für 169 Dollar ein Testset an, mit dem man einen Abstrich nehmen und einsenden kann. Die Firma teilt mit, welche Ta-

lente laut DNA vorliegen, Typ schnellkräftig, Typ ausdauernd. Sie wirbt damit, dass der Test „Eltern und Trainern frühzeitig Informationen über die genetischen Anlagen ihres Kindes“ gibt. Konkret: ob das Kind später Erfolg in Mannschaftssportarten oder eher in Individual-

sportarten, in Kraftsportarten oder Ausdauersportarten haben kann.

 

Ein Gentest? So weit sind Mari Maattanen und ihr damaliger Mann Scott Silva nicht ge-

gangen, als Jan Silva 2001 zur Welt kam. Sie wussten auch so, was ihr Junge ist: ein Jahr-

hunderttalent. Mindestens.

 

Eine andere Tennishalle, eine andere Glasscheibe, das gleiche Bild: Jani, wie er lacht und rennt und schlägt, und wenn er stehen bleibt, sagt der Manager, ach, er ist ein bisschen müde heute.

 

Als Jani noch kleiner war, hat er auch Basketball gespielt, den Sport seines Vaters, das macht er jetzt nicht mehr oft. Basketball ist ein Hobby.

 

Und Tennis?

 

Ich liebe Tennis.

 

Was willst du denn einmal werden?

 

Nummer eins.

 

Jani ist kontaktfreudig, sagt Mari Maattanen, Frem den gegenüber aber hat er die Schüch-

ternheit, die Kinder in seinem Alter meist haben. Er ist höflich, aber zurückhaltend, wenn er mit Fremden spricht, schaut er oft seine Mutter an und seinen Manager, bevor er antwortet. Wenn er auf dem Tennisplatz steht, schaut er nicht nach links oder rechts, nur dorthin, wo der Ball ist. Auf dem Tennisplatz ist ihm egal, wer auf der anderen Seite steht. Es ist fast schon ko-

misch, dass sein Leben, wenn man so will, auch genau hier begonnen hat.

 

Mari Maattanen, eine Finnin, einst Tennisprofi und heute Tennislehrerin, steht auf dem Court, als die Wehen einsetzen. Es gibt Fotos von Jan Silva als Baby in Windeln, in seiner Hand ein Tennisschläger, mit eins beginnt er, Softbälle gegen die Wohnzimmertür zu schlagen, er schläft zu Videos des US-Tennisprofis James Blake ein.

 

Die Familie lebt in Kalifornien, der Heimat des Vaters, drei Kinder, ein Haus, zwei Autos, kein Reichtum, aber solide Verhältnisse. Als Jan Silva zwei ist, filmt der Vater ihn beim Tennisspielen, er findet, das Leben müsse mehr zu bieten haben für seinen jüngsten Sohn, als solide Verhältnisse. Er schickt das Video an IMG, eine der größten Vermarktungsagen-

turen der Welt.

 

Bollettieris Akademie ist die größte

Heldenfabrik,die die Tenniswelt zu bieten hat.

 

Die Agentur lehnt ab, Kleinkinder vermarkten, das geht selbst IMG zu weit. Das Video lan-

det bei Nick Bollettieri, einem Amerikaner, der schon viele Helden erschaffen hat, Andre Agassi, Monica Seles, auch Boris Becker hat bei ihm trainiert. Bollettieris Akademie in Florida ist die größte Heldenfabrik, die die Tenniswelt zu bieten hat. Eines Tages, der Jun-

ge ist da vier, lädt Bollettieri die Silvas ein, aber es ist schnell klar, dass sie für ihren Sohn etwas anderes wollen, etwas kleineres, überschaubares, keine Fabrik.

 

Es dauert nur ein paar Wochen, bis die Silvas finden, wonach sie suchen. Und entschei-

den, alles auf eine Karte zu setzen, ihr ganzes Leben und das ihrer Kinder: auf die Karte Jani.Sie erhalten das Angebot einer kleinen Akademie in der Nähe von Paris, die für alle Unkosten aufkommt. Sie verkaufen das Haus und die Autos, sie ziehen einen Strich unter ihre bisherige Existenz und leben und arbeiten von da an in Frankreich, in der Akademie. Sie bekommen ein Chalet mit Blick auf die Tenniscourts.

 

Haus, Auto, ach, so wurde Scott Silva vor ein paar Jahren zitiert: „Wir bereiten Jani auf etwas viel Größeres vor.“ Mit seinem Talent könne der Junge alles tun, was er im Tennis tun wolle, wirklich alles.

 

Scott Silva hat heute kaum noch Kontakt zu seinem Sohn, 2009 ließen die Eltern sich scheiden, der Vater zog mit seinem Sohn aus erster Ehe zurück nach Kalifornien, Mari ging mit Jani und der zwei Jahre jüngeren Tochter Jasmin nach Finnland, zu ihren Eltern. Wei-

termachen an der Akademie, sagt Mari Maat tanen, sei nicht in Frage gekommen, „nach einer Scheidung hat ein Kind andere Sorgen als Tennistraining“. Aber der Junge spielt im-

mer noch gerne, also trainiert ihn die Mutter: Sie fährt ihn jeden Tag 20 Kilometer von Nokia nach Tampere, er trainiert zwei Stunden vor der Schule und zwei danach.

 

Eines Tages, sagt Mari Maattanen, habe Jani zu ihr gesagt: Mama, ich will wieder so leben wie in Frankreich, nur Tennisspielen. Jetzt leben Mutter, Sohn und Tochter immer dort, wo es Tennisplätze gibt und gute Trainer. Sie sind eine Familie ohne Adresse, Weltreisende für unbestimmte Zeit. Mari Maattanen sagt, es ist gut so.

 

Mama, ruft Jasmin, sie rennt zum Tisch, der vor der Glasscheibe steht, legt ihr Spielhandy auf den Tisch, sie will das Gespräch auch aufnehmen, sie findet das lustig. Worüber redet ihr?, sagt Jasmin, wie lange dauert das noch?, sagt Jasmin, sie ist acht. „Die Kleine“, sagt Mari Maattanen, als wolle sie sich entschuldigen, „sie will den ganzen Tag meine Aufmerksamkeit.“

 

"Schön zu sehen, dass wieder

ein hero in der Pipeline ist"

 

Gerade sind sie in München, bald ziehen sie für ein paar Monate nach Florida, dort werden sie Besuch bekommen, von Janis bestem Freund aus der Zeit in Kalifornien. Sie reisen im-

mer dorthin, wo Ulli Kühnel passende Trainingsmöglichkeiten findet.

 

Ulli Kühnel sitzt in Unterföhring bei München an einem Café-Tisch, er war mal der Besaiter

von Boris Becker, solche Berufe gibt es im Tennis, er hat ihn 15 Jahre begleitet, er hat die ganze Tenniswelt gesehen und die ganze Tenniswelt ihn. Er weiß noch, sagt Kühnel, wie er auf das Wunderkind aus Kalifornien aufmerksam wurde, das war 2008, er las in der Zeitung davon. Ulli Kühnel sagt, „es war schön zu sehen, dass wieder ein hero in der Pipeline ist“.

 

Er nahm Kontakt auf zu Mari Maattanen, und nun ist der Besaiter Ulli Kühnel der Manager von Jan Silva. Ein mit Kühnel bekannter Vermögensverwalter in Liechtenstein gründete vor ein paar Monaten die Firma target sports, deren einziger Zweck die Vermarktung von Jan Silva ist, Kühnel ist dort ange- stellt. Er ist dann mit Jan Silva zu einer Heilpraktikerin gefah-

ren, es ging darum, seine Leistungskakapazität bestimmen zu lassen. Das Ergebnis teilte Kühnel in einer Rundmail mit: „Weit über seine normale Entwicklung ausgebildet mit dem Drang, etwas GROSSES schaffen zu wollen.“

 

Etwas Großes, Nummer eins der Welt, Grand-Slam-Sieger: Jan Silva ist ein Kind mit Kar-

riereplan, und niemand in seinem Umfeld scheint daran zu zweifeln, dass der Plan aufgeht. Kühnel hat ein Exposé angefertigt, ein Uhrwerk ist da abgebildet und der menschliche Mus-

kelaufbau, das soll zeigen, dass jedes Detail wichtig ist. Und geplant. Die Überschrift lautet: „Jan Kristian Silva — Tennis Talent of the Century“. Kühnel sagt: „Wir stellen für Jani ein Team zusammen, mit dem wir die Chance haben, einen neuen Wimbledon-Champion zu kreieren.“

 

Er hat das ganze alte Becker-Umfeld aktiviert, der ehemalige Leichtathlet Carlo Thränhardt, Beckers Athletiktrainer, ist Janis Athletiktrainer, Mike DePalmer, Beckers Tennistrainer, ko-

ordiniert auch Janis Tennistraining, und vor einiger Zeit hat Kühnel mit Ronnie Leitgeb ge-

sprochen, dem Präsidenten des österreichischen Tennisverbandes und einst Trainer des Becker-Gegners Thomas Muster, er wollte wissen, ob die Möglichkeit bestehe, dass Jan Silva als Erwachsener für Österreich im Davis Cup spielen könne. Jani hat sich neben Kühnel gesetzt, man spricht jetzt englisch, damit der Junge auch alles versteht. Kühnel sagt: Jani müsse vier Jahre in Österreich leben, dann gelte er als Öster reicher.

 

Da schaut der Junge hoch, dreht seinen Kopf zu ihm. Österreicher?

 

Ulli Kühnel wolle, dass alles vorbereitet sei, wenn es so weit sein sollte, sagt Mari Maat-

tanen. „Ulli hilft uns sehr“, sagt sie, und sie hilft Jani, seinen Traum zu verwirklichen, so sieht sie das. Deshalb die Interviews, die Sponsoren: Das Training, das Reisen, das kostet Geld, das Mari Maattanen nicht hat. Auch die Privatschule ist teuer, Jani ist Schüler einer Online-Schule in Kalifornien, der Computer ist sein Klassenzimmer; seine Schwester Jas-

min wird von ihr selbst unterrichtet, wenn Jani trainiert, sind Mutter und Schwester meist dabei. Kühnel sitzt auch oft an der Seitenlinie, mit Trainingsanzug und iPad. Manchmal filmt er Jan Silva für die Videoanalyse.

 

"Die soziale Komponente ist wichtig,

vielleicht sogar das Wichtigste"

 

Vor Kurzem war auch Oliver Schmidtlein da, Schmidtlein war einer der Physiotherapeuten von Boris Becker, später wurde er Fitnesstrainer der Fußball-Nationalmannschaft und des FC Bayern, inzwischen hat er eine Praxis in München. Er hat sich den Jungen angeschaut und einen Trainingsplan mit zwölf Übungen erstellt. Er ist vorsichtig, er weiß, wie das wirkt, ein Trainingsplan für einen Zehnjährigen. Übungen zur Rumpfmuskulatur aber, sagt er, seien auch ohne Karriereziel sinnvoll, er betont: „Es kommen häufig Eltern mit Kindern zu mir, meine erste Frage ist immer: Wie läuft’s in der Schule?“ Die soziale Komponente, sagt Schmidtlein, sei wichtig, vielleicht sogar das Wichtigste.

 

Wie es da bei Jan Silva aussieht, weiß er nicht, aber er findet: „Das ist ein interessantes Projekt.“ Er hat das nicht so kalt gemeint, wie es rüberkommt, aber er hat ziemlich genau erfasst, was Jan Silva in Wahrheit ist: ein Projekt. Ist das schlimm? Hatte nicht auch Golf-

profi Tiger Woods mit zwei Jahren seinen ersten Auftritt in einer Fernsehsendung, mit dem Golfschläger gegen den Komiker Bob Hope puttend? Hat nicht der Vater von Andre Agassi Tennisbälle in seine Wiege gehängt, um die Hand-Augen-Koordination zu schärfen?

 

Es gibt im Tennis viele Beispiele für exorbitante Frühförderung. In der Schweiz reden gera-

de alle über die 15-jährige Belinda Bencic, ihr Vater hat schon vor der Geburt entschieden, dass sie ein Tennisstar werden soll. Und dann gibt es die Kalifornierin Monique Viele. Auch ihre Eltern haben ein Video von ihr gemacht, als sie noch ein Kind war, und haben es zu IMG geschickt.

 

Ende der Neunziger wurde Monique Viele zur Schönsten und Besten ausgerufen, die das Tennisspektakel je erleben wird. Mit neun bekam sie ihren ersten Vertrag, mit 14 beschwer-

te sie sich, dass sie noch nicht bei den Erwachsenen spielen darf, mit 18 tönte sie, sie ken-

ne keine Grenzen. Dann schied sie bei allen Turnieren spätestens in der zweiten Runde aus, ihr Körper machte Probleme, sie drehte ein paar sonderbare Musikvideos und ver-

schwand aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit.

 

Ulli Kühnel sagt, er habe Bücher gelesen, Biografien von Klaviervirtuosen zum Beispiel, um diese Balance hinzubekommen: zwischen dem kindlichen Spaß und der Tatsache, Leistung bringen zu müssen. Nur Leistung refinanziert. Das Geld für so ein Wunderkind-Leben kommt ja nicht nur von Sponsoren. Target sports aus Liechtenstein investiert ebenfalls, auch Tennis ist ein lukratives Feld: Roger Federer hat bislang knapp 60 Millionen Euro allein an Preisgeldern verdient.

 

Jani ist glücklich“, sagt Mari Maattanen, nur darauf komme es an. Er frage sie oft: Mami, glaubst du, dass ich Nummer eins werden kann? „Ich antworte ihm immer: natürlich. Und wenn nicht, macht das auch nichts.“

 

Das ist ja die entscheidende Frage: Was, wenn nicht? Was, wenn Jani nicht mehr will? Oder sein Körper? „Dann wäre das absolut in Ordnung“, sagt Mari Maattanen. Noch aber will er ja, und niemand geht davon aus, dass sich das ändert.

 

Vor Kurzem, erzählt Ulli Kühnel, hatte er einen Disput mit Jani: Er möchte, dass der Junge selbst seine Tasche packt, damit er lernt, Verantwortung zu tragen; wenn er etwas vergisst, muss er 25 Liegestütze machen. Jani wollte nicht mehr, er fand Tasche packen doof. Okay, hat Ulli Kühnel gesagt, dann setz’ dich hin und schreib auf, was du willst. Jani nahm ein Blatt Papier und schrieb: „I will become Number one.“

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