Verein Münchner Sportjournalisten
Verein Münchner Sportjournalisten

Helmut-Stegmann-Nachwuchs-Förderpreis für regionale und lokale Sportberichterstattung

  Im Gedenken an Helmut Stegmann, seinen 1997 verstorbenen Vor-

sitzenden von 1973-1989, verleiht der Verein Münchner Sportjour-

nalisten (VMS) seit 2001 jährlich den Helmut-Stegmann-Nach-

wuchs-Förderpreis für regionale und lokale Sportberichterstattung.

  Helmut Stegmann (1938-1997) war Teilnehmer an der ersten Lehr-

redaktion der Deutschen Journalistenschule (DJS), an der er später 25 Jahre lang lehrte. Nach sieben Jahren als Sportredakteur beim Münchner Merkur wechselte er 1968 als Sportchef zur tz. 1973 wurde Stegmann zum Chefredakteur berufen.

  Bei Helmut Stegmann zählte vor allem, wie einer war und nicht, was einer war. Er war nicht nur von Statur (2,01 m) ein großer Mann. Seine unbedingte Verlässlichkeit, Fainess und Menschlichkeit bleiben sein Vermächtnis.

Ausschreibung 2022/23

Helmut-Stegmann-Nachwuch-Förderpreis

für regionale und lokale Sportberichterstattung

 

Der Verein Münchner Sportjournalisten (VMS) schreibt zum 22. Mal den Helmut-Steg-mann-Nachwuchs-Förderpreis für regionale und lokale Sportberichterstattung aus.

 

Zielgruppe

 

Teilnahmeberechtigt sind Journalistinnen und Journalisten (VMS/VDS-Mitglieder und Nichtmitglieder, auch Studierende) der Geburtsjahrgange 1990 und jünger, die im VMS-Einzugsgebiet (München, übriges Oberbayern, südliches Niederbayern) tätig sind oder es 2022 waren. Die Beiträge müssen im Jahr 2022 veröffentlich worden sein und sich mit Themen aus München und dem Raum Oberbayern/südliches Niederbayern befassen.

 

Medium

 

Die Texte müssen in Printmedien oder Online veröffentlicht sein. Sie sollen nicht mehr als 8.500 Zeichen umfassen.

 

Dotierung

 

4.000 Euro (1. Preis 2.000 Euro, 2. Preis 1.250, 3. Preis 750 Euro).

 

Einsendungen

 

(6-facher Ausdruck, anonymisiert + Originalbeleg oder deren Kopien), unter Angabe von Adresse, e-mail, Telefon und Geburtsdatum an. Es können bis zu 2 Texte eingereicht werden.

 

Einsendeschluss

 

Montag, 16. Januar 2023.

 

Verein Münchner Sportjournalisten

Hans Eiberle

Agnes-Miegel-Str. 37

81927 München

T 089 9294033

hanseiberle@aol.com

Die prämierten Texte 2022

1. Platz

Immer mit einem Lachen

Stephan Kruip ist nicht nur Patentprüfer und Ethikrat-Mitglied, sondern auch Mukoviszidose-Patient. Trotz seiner unheilbaren Krankheit ist der Zornedinger am Sonntag seinen vierten Marathon gelaufen. Wie schafft der 56-Jährige das?

 

                                                VON JOHANNA FECKL

 

  B Bei Kilometer 39 hat Stephan Kruip den kleinen Anstieg, der die Elisabethstraße hinauf in Richtung Ackermannbogen zeichnet, fast geschafft. Hier ist der höchste Punkt der Strecke, 528 Meter über dem Meeresspiegel, Start- und Zielpunkt im Olympiastadion liegen bei knapp 508 Höhenmeter. Die vergangenen gut drei Stunden und 45 Minuten, die er beim diesjährigen Münchner Marathon am Sonntag joggte, sieht man ihm an: der Blick konzentriert, die Atmung erschwert, die Mimik angestrengt. Und dennoch lacht er, als ihn zwei Männer an der Ecke Schleißheimer Straße anfeuern. Noch knapp drei Kilometer liegen vor Kruip, dann hat der 56-Jährige seinen vierten Marathon bewältigt. Das ist an sich bereits eine Leistung, die Freizeitjogger recht klein fühlen lässt. Der Zornedinger aber schafft all dies trotz Mukoviszidose — eine Erkrankung, die unter anderem seine Lunge stark beeinträchtigt und ihn zum Diabetiker gemacht hat.

  Drei Stunden später öffnet Stephan Kruip seine Haustüre in Zorneding und bittet hinein. Dunkler Pulli, dunkle Jeans, dunkle Birkenstock an den Füßen. Die Anstrengung des Laufs scheint wie weggeblasen, „Das Gehen funktioniert eigentlich sehr gut“, sagt er und lacht. Seine gute Laune verwundert nicht, schließlich hat er sein per

persönliches Ziel erreicht: den Marathon in weniger als vier Stunden. Seine Zeit: Drei Stunden, 59 Minuten, 50 Sekunden.

  Neben seiner Leidenschaft fürs Laufen und seiner Mukoviszidose-Erkrankung ist Kruip verheiratet, Vater von drei erwachsenen Söhnen, Patentprüfer beim Europäischen Patentamt München, seit 2014 Vorsitzender des Vereins Mukoviszidose, seit 2016 Mitglied im Deutschen Ethikrat, seit 2019 Träger des Bundesverdienstkreuzes, außerdem sausen wenig später auch noch zwei Hunde durch sein Wohnzimmer. Ganz schön viel. Wie bekommt der 56-Jährige das alles unter einen Hut?

 

Seit der Kindheit auf Effizienz trainiert

 

  „Seit meiner Kindheit bin ich auf Effizienz trainiert“, sagt er. Grund ist seine Erkrankung: Mehrmals am Tag eine aufwendige Atemtherapie, lange Zeit gehörte eine sogenannte Klopfdrainage zu Kruips Alltag. Dabei löst Klopfen auf den Brustkorb den Schleim in der Lunge, sodass er abgehustet werden kann. Regelmäßiges Inhalieren zählte ebenso zum Programm, genau wie Antibiotika-Einnahmen und strenge Hygieneregeln — akribisches Händewaschen, kein Händeschütteln und Masken kennt der 56-Jährige nicht erst seit Corona. Zwei bis drei Stunden nahmen diese Prozeduren in Anspruch. Jeden Tag. Wer da sein Zeitmanagement nicht optimiert, hat ein Problem.

  „Mukoviszidose ist eigentlich ein Vollzeitjob“, sagt Reiner Heske. Er sitzt neben Kruip an dem langen Esstisch im Wohnzimmer. Der 51-Jährige muss es wissen, denn auch er ist Betroffener, er und Kruip kennen sich aus dem Mukoviszidose-Verein. Bei dem Marathon in München wenige Stunden zuvor sind die zwei Männer zusammen gestartet, genau wie vor drei Jahren, damals aber in Köln — Heske lebt in Nordrhein-Westfalen. Wer die Geschichte der beiden vergleicht, der versteht die enorme Bandbreite der Krankheit.

  Als 15-Jähriger hatte Heske ein Lungenvolumen von 50 Prozent. Mit 26 musste er wegen seines Gesundheitszustands in Rente gehen. Er schaffte seinen 30. Geburtstag, auch seinen 40. Aber es ging ihm zunehmend schlechter: Mit 44 betrug sein Lungenvolumen 20 bis 30 Prozent. Er wurde an der Bauchspeicheldrüse operiert, es folgten sechs Wochen Intensiv. Zwei Lungenentzündungen gaben ihm dann den Rest. Von da an hing er 24 Stunden am Tag an einem Sauerstoffgerät. Er wog 47 Kilo.

 

„Mir wurden acht tolle Jahre geschenkt“

 

  „Ich hatte nichts mehr zu verlieren“, sagt Heske heute. 2013 ließ er sich auf die Transplantationsliste setzen. Wenig später bekam er eine Spenderlunge. Acht Jahre liegt das nun zurück. Dass sein Körper das neue Organ abstoßen wird, ist sicher. Nur weiß niemand, wann es so weit ist. Laut Medizinischer Uni Hannover, Europas größtem Lungentransplantationszentrum, überleben 50 Prozent der Patienten die ersten zehn Jahre nach dem Eingriff.

  2015 lief Heske seinen ersten Halbmarathon, 2017 den ersten Marathon. Seitdem organisiert er regelmäßig Spendenläufe, deren Erlöse unter anderem dem Mukoviszidose-Verein zu Gute kommen, außerdem engagiert er sich im Bereich der Organspende. „Mir wurden dadurch bislang acht tolle Jahre geschenkt“, sagt er, „und dafür bin ich unglaublich dankbar.“

Stephan Kruip (r.) und Sohn Jonas im Münchner Olympiastadion im Ziel des Marathon-laufs.                                                                                                         FOTO: REINER HESKE

Während Heskes Krankheitsverlauf eine Lungentransplantation erforderlich machte, habe er selbst viel Glück gehabt, so formuliert es Kruip. Marathon-Laufen funktioniert bei ihm schließlich auch mit seiner Mukoviszidose-Lunge.

  Als neue Forschungsergebnisse um die Jahrtausendwende bewiesen, dass Sport zur Verflüssigung der Lungenoberfläche beiträgt und somit förderlich für Betroffene ist, begann Kruip mit Treppensteigen — bis dahin galt: schonen wo es geht. Ein „Guten Morgen“ war unmöglich, wenn er oben angekommen war. 2007 wagte er sich ans Laufen. „Nach 200 Metern war da Schluss!“ Wieder lacht Kruip. Neun Jahre später kam dann sein erster Marathon: vier Stunden und 27 Minuten.

 

Gemeinsam mit dem jüngsten Sohn im Ziel

 

  Dieses Mal war der Marathon nicht nur besonders, weil er zum ersten Mal die Vier-Stunden-Marke geknackt hat, sondern auch, weil sein jüngster Sohn mit ihm gemeinsam im Ziel eingelaufen ist — zumindest fast, zwei Sekunden war der 20-jährige Jonas schneller. Als der erste Corona-Lockdown 2020 den 56-Jährigen ins Home-Office verbannte, teilten sich die beiden fortan ein Zimmer, der Vater zum Arbeiten, der Sohn zum Studieren.

  Damals schrieb Kruip einen Zettel für seine Familie: in welches Krankenhaus er will, was seine Frau für eine Witwenrente zu erledigen hat, wo seine Patientenverfügung aufbewahrt ist — zu dieser Anfangszeit hat der Zornedinger nur noch zum Sport das Haus verlassen, um Einkäufe kümmerten sich die Söhne.

  „Es hieß, Lungenkrankheiten und Diabetes stellen ein enormes Risiko dar“, so Kruip. „Ich war mir sicher, dass es das dann bald gewesen sein wird.“ Mittlerweile zeigen Daten, dass Mukoviszidose-Patienten im Vergleich zu Gesunden zwar mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bei Corona im Krankenhaus landen, aber nicht häufiger als der Durchschnitt sterben. Und durch die Impfung ist auch dieses Risiko auf ein Minimum geschrumpft.

 

Ein großer Zugewinn an Lebensqualität

 

  Anders sieht das bei Reiner Heske aus: Durch die Transplantation ist sein Immunsystem so herabgesetzt, dass sein Körper trotz zweifacher Impfung keine Antikörper aufbauen konnte. Eine Infektion wäre für ihn lebensgefährlich. Deshalb ist er die ersten Kilometer des Marathons auch mit Mundschutz gelaufen — zu stark sei ihm das Getümmel gewesen.

  „Uns Organtransplantierte können nur diejenigen schützen, die sich impfen lassen.“ Seit diesem Frühjahr nimmt Kruip ein neues Mukoviszidose-Medikament, das seinen Flüssigkeitshaushalt fast normalisiert. Vorhandene Organschäden kann das Mittel zwar nicht reparieren, aber es kommen keine neuen hinzu.

  Die zeitintensiven täglichen Therapien fallen nun weitestgehend weg — ein großer Zugewinn an Lebensqualität für den Zornedinger und viele Betroffene weltweit. Etwa 20 Prozent von ihnen haben jedoch eine Genmutation, bei der das Medikament nicht wirkt.

  Unterdessen startete die neue Bürogemeinschaft aus Vater und Sohn Kruip gemeinsam ins Lauftraining, einfach so. Nachdem Jonas Kruip in diesem Sommer seinen ersten Halbmarathon gemeistert hat, ließ sich Stephan Kruip nicht lange von ihm bitten, zusammen den München Marathon zu laufen.

  „Das war wirklich etwas sehr besonderes.“ Er lacht.

1. Preis

Dauerkarte im vierten Stock

Fußballstadion. Melinda gehört zu den wenigen in Deutschland, die das Glück haben, ihre Mannschaft spielen zu sehen: aus ihrer Wohnung in Giesing.

 

VON MAX FERSTL

 

Melinda öffnet das Fenster, jetzt kann sie das Stadion hören. Dieses dumpfe Plopp, wenn ein Spieler gegen den Ball tritt. Sie legt eine blaue Filzdecke auf das Fensterbrett, dazu zwei Schals. Laut der Hausordnung sind Fahnen verboten, sagt Melinda, „von Schals und Decken steht da aber nichts“.

  Melinda beugt sich aus dem Fenster, dreht den Kopf nach rechts, dahinten kann sie die Spieler im Grünwalder Stadion sehen, weiß die Sechziger, rot die Bayern, in schwarz derLöwen-Trainer Michael Köllner. Und da drüben, in der Westkurve, direkt unter der Anzeigetafel: ihr Platz, wo sie immer mit den Freunden stand, dicht an dicht, singend und jubelnd und zitternd. Lange her.

  Seit mehr als einem Jahr sind die Fußballstadien fast leer. Man hat sich an den trostlosen Anblick gewöhnt, an die betonierte Leere. Rein darf nur, wer für den Spielbetrieb unbedingt benötigt wird, Spieler, Betreuer, ein paar Ordner und Journalisten. Zuschauer hingegen müssen draußen bleiben, und sich die Spiele im Fernsehen anschauen. Außer sie haben so viel Glück wie Melinda.

 

„Wenn es bei den Löwen um etwas geht, vergeigen sie es oft.“

 

  Sie wohnt in einem Haus hinter der Ostkurve des Grünwalder Stadions, vierter Stock, also hoch genug, dass sie über die Stadionwand gucken kann. Weil oft Leute klingeln, die mitschauen wollen, will sie lieber nur mit Vornamen in der Zeitung stehen. Unten am Spielfeld nehmen am Sonntagnachmittag die Spieler ihre Positionen ein, feuern sich an. Näher als Melinda können Fußballfans in Deutschland ihrer Mannschaft derzeit nicht kommen. "Ich feiere das jedes Mal wieder", sagt sie, die Ellenbogen auf die Löwen-Decke gestützt, die braunen Haare flattern im Wind.

  Dann beginnt das Spiel. 1860 München gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern München, ein Derby am vorletzten Spieltag der Saison. Die Löwen sind Tabellenvierter und seit zehn Spielen ungeschlagen. Die Bayern sind Drittletzter. Gerade deshalb ist Melinda nervös: „Wenn es bei den Löwen um etwas geht, vergeigen sie es oft.“ Und für Sechzger geht es um den Aufstieg in die zweite Liga, also um sehr viel.

  Wer am Fenster steht, braucht einen geübten Blick, um die Spieler zu erkennen. Leicht ist es eigentlich nur beim Löwen-Stürmer Sascha Mölders, der auch aus der Ferne wuchtiger aussieht als alle anderen. Melinda sieht nur gut zwei Drittel des Spielfeldes: das Tor auf der Westseite, beide Trainerbänke, den Mittelkreis. Sind die Spieler auf der Ostseite des Stadions unterwegs, also nahe bei ihrem Fenster, verdeckt die Stadionwand die Sicht. Dann kneift sie die Augen zusammen und beobachtet die Trainer auf der Trainerbank, wie sie gucken, ob sie jubeln oder toben, wie es also läuft, da unten auf dem Rasen.

  Zunächst läuft es eher schlecht. Die Bayern gehen früh in Führung, was Melinda nicht sieht, weil das Tor auf der für sie verdeckten Seite fällt. Sie sieht nur jubelnde Rote. „Ich hab's doch gesagt“, sagt sie und dreht sich um. Im Wohnzimmer läuft das Spiel im Livestream — allerdings mit einer Minute Verzögerung, weil auch das Internet nicht in Bestform ist.

 

Zehn Euro für den Blick aus dem Fenster

 

Als Melinda im Januar vor zwei Jahren einzog, war das mit dem Fenster eigentlich ein Witz. Stellt euch das mal vor, sagte sie, wenn wir mal ein Geisterspiel haben, dann können wir trotzdem zuschauen. Sie dachte dabei an ein oder zwei Spiele, als Strafe, wenn Anhänger Feuerwerkskörper im Stadion zünden. Dass sie mal eine ganze Saison vom Fensterbrett aus verfolgen würde, erschien ihr einigermaßen abwegig.

  In der Pandemie ist ihr Wohnzimmer mit den Fenstern plötzlich begehrt. Als es einmal an der Tür klingelte und Melinda dachte, ihr Mann komme nach Hause, öffnete sie und ging ins Bad — es war dann aber nicht der Mann, der die Treppe hochkam, sondern Fans. Vorhin erst fragten zwei Jungs, Spezi in der Hand, ob denn noch ein Platz frei wäre. In einer anderen Wohnung, von der man auch das Spielfeld sieht, zahlen Löwen-Fans der Mieterin jeweils zehn Euro,   damit  sie  an  den Spieltagen  für zwei  Stunden ans Fenster dürfen. „Es ist einfach etwas anderes, ein Spiel in echt zu sehen“, sagt Melinda.

  In der 41. Minute wieder ein Pfiff. Elfmeter für die Löwen. Melinda mag keine Elfmeter, das sei zu aufregend. Sie sieht, wie der breite Mölders — den sie „Bierbauchsascha“ nennt, was als Ausdruck höchsten Respekts gemeint ist — anläuft und flach links unten trifft. Woraufhin Melinda den Löwenschal durch die Luft kreisen lässt, wie ein Windrad.

  Sie greift dann schnell zum Telefon und ruft „die Jungs“ an. Wenn sie schon nicht zusammen in der Kurve stehen können, dann wollen sie wenigstens bei den Toren gemeinsam jubeln. Auf ihrem Handy tauchen vier kleine Bildschirme auf, man sieht Gesichter, Bärte, geballte Fäuste. „Das war wichtig“, sagt Melinda.

  Sie weiß nicht genau, wie lange sie schon Sechzgerfan ist. Sie ist 29, irgendwie sei sie so reingewachsen. Ihr Vater hat sie früh mit ins Stadion genommen, und sie ist dabeigeblieben. Irgendwann waren sie eine Gruppe, „die Jungs“ und sie. Sie nennen sich die Cabriolöwen, weil Melinda einen VW Beetle fährt. Quer durchs Land sind sie früher gereist, egal wo die Löwen spielten, nach Hamburg, nach Rostock. Ihre Mutter hat das nie so ganz verstanden. Melinda sagt, dass es dabei um mehr geht als das Spiel: „Fußball bedeutet Zusammensein, eine Gemeinschaft zu sein.“ In der Hinsicht war diese Saison keine erfolgreiche.

 

Melindas Kopf sinkt zwischen die Hände

 

  Im Flur hängen Fotos aus leichteren Zeiten. Die Cabriolöwen am Ostseestrand, wo sie 1860 München in den Sand schrieben. Die Cabriolöwen mit dem Schuh, den ihnen der Spieler Nono Koussou nach dem Aufstieg in die dritte Liga geschenkt hatte, dem Schuh, aus dem sie Goaßmass tranken und über den sie sangen: „aus dem Schuh, aus dem Schuh, aus dem Schuh von Koussou". Wie es wohl wäre, wenn die Löwen tatsächlich aufsteigen? Melinda hat sich das zuletzt häufiger gefragt. Ginge das überhaupt, eine Feier? Fände sie das gut? Oder zu riskant? Oder würden alle zu Hause vor dem Fernseher sitzen, sich ein Bier aufmachen und danach ins Bett gehen?

  In der 49. Minute trifft Bayern zum 2:1, Melindas Kopf sinkt zwischen die Hände. Sind die Erwartungen vielleicht doch zu groß, seitdem alle vom Aufstieg reden?

  An diesem Tag sind Hunderte Fans zum Stadion gekommen. Sie dürfen nicht rein, aber lieber hier stehen, vor dem Stadion, als daheim zu sitzen, vor dem Fernseher. Sie singen, zünden ein Feuerwerk. Vom Fenster aus sieht man Polizisten vorbeirennen, schwarze Kampfanzüge, Helme.

 

Fischstäbchen gegen Rostock, Rostbratwürste gegen Würzburg

 

  Es hat zuletzt viele Debatten gegeben, ob den Fans der Fußball egal wird, wenn sie merken, dass es auch ohne sie geht. Melinda glaubt das eher nicht. „Klar, man stumpft ein bisschen ab“, sagt sie. Als es im Winter zu kalt war, hat sie das ein oder andere Spiel im Fernsehen statt am Fenster geschaut. Trotzdem: Sie könne sich nicht vorstellen, dass einen Fan die Spiele kaltlassen. „Weil es ist ja doch dein Sechzig, es ist doch deine Mannschaft. Da kannst du nicht einfach sagen: Da gucke ich nicht zu.“

  Im Spätsommer, als sich noch mehr Menschen

 

treffen durften, konnten die Cabriolöwen ein paar Spiele gemeinsam anschauen. Sie haben dann Essen gekocht, passend zum Gegner. Gegen Rostock gab es Fischstäbchen, gegen Würzburg Rostbratwürste. „Da kam Fußballfeeling auf“, sagt Melinda. Doch dann stiegen die Infektionszahlen. Am Fenster wurde es einsam.

  In der 68. Minute sieht Melinda nichts, das Geschehen spielt sich im toten Winkel ab. Sie kann nur raten, was passiert: Ecke? Elfmeter?   „Könnte alles sein“, sagt Melinda. Plötzlich jubeln die Sechziger, und Melinda auch. Ein Elfmeter also, der Ausgleich. Wieder ein Videoanruf bei den anderen Cabriolöwen, wieder wird gejubelt.

  Doch dann geht nicht mehr viel. Als der Schiedsrichter abpfeift, sinken die Löwen auf den Rasen. „Sie sehen enttäuscht aus“, sagt die enttäuschte Melinda. Die Chance auf den direkten Aufstieg ist weg. Sechzig muss am Samstag in Ingolstadt gewinnen, sonst reicht es nicht mal für die Relegation. Die Saison der Geisterspiele wäre vorbei.

 

Verschwitzte Körper, Umarmungen, Chor aus tausend Kehlen?

 

  Doch wer weiß, ob sich die Kurven im Herbst wieder füllen? Verschwitzte Körper, Umarmungen, ein Chor aus tausend Kehlen — schwierig. Wahrscheinlich dürfen erst einmal nur wenige Fans ins Stadion. Dann, sagt Melinda, wolle sie anderen den Vortritt lassen, „die es dringender brauchen“. Sie habe ja einen guten Platz.

  Melinda legt die Schals zusammen, holt die Decke rein. Dann zieht sie das Fenster zu.

3. Platz

Ein totaler Kontrollverlust

Der Abend der Eskalation: Die Funktionäre erleiden eine große Niederlage. Eine im Bereich des Politischen — zugefügt von den eigenen Mitgliedern.

 

VON CHRISTOPHER MELTZER

 

Als der Präsident Herbert Hainer nichts mehr hören, aber die Mitglieder seines Vereins noch reden wollten, als er kapitulierte, aber sie protestierten, als er auf dem Podium leise seine Unterlagen zusammenpackte, aber sie protestierten, als er auf dem Podium leise seine Unterlagen zusammenpackte, aber sie auf der Tribüne laut „Hainer raus“ brüllten, als diese Jahreshauptversammlung des FC Bayern München, die in die Geschichte des wichtigsten deutschen Sportvereins eingehen und diese vielleicht sogar verändern wird, eigentlich schon vorbei war, ging Uli Hoeneß plötzlich aufs Podium und stellte sich ans Rednerpult.

 

Hoeneß verlässt das Podium — sprachlos

 

Es war schon nach Mitternacht in der Basketballhalle in München, wo Hoeneß, Aufsichtsrat und Ehrenpräsident, Macher des modernen FC Bayern, in den mehr als fünf Stunden davor stumm auf seinem Stuhl in der ersten Reihe gesessen hatte. Jetzt konnte und wollte er aber nicht mehr schweigen — und schaffte es dann doch nicht, etwas zu sagen. Er starrte auf die Tribüne, wo Männer und Frauen mit Masken standen und sangen: „Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt!“ Da verließ Hoeneß das Podium wieder. Sprachlos. Und als er ein paar Minuten später aus der Halle marschierte, sagte er nur: „Das ist die schlimmste Veranstaltung, die ich beim FC Bayern je erlebt habe.“

  Am Donnerstagabend haben die Funktionäre des FC Bayern München e.V. und der FC Bayern München AG eine große Niederlage erlitten. Sie werden die Aufarbeitung anders als sonst aber nicht ihrem Trainer und ihren Spielern überlassen können. Es war nämlich keine Niederlage im Bereich des Sportlichen, sondern eine im Bereich des Politischen. Und es war keine, die ihnen von Fremden zugefügt worden ist, sondern von denen, die sie Familie nennen. Ihren eigenen Mitgliedern.

  Sie hatten diese erstmals seit zwei Jahren wieder für eine Jahreshauptversammlung eingeladen. Damals, im November 2019, waren mehr als 6000 gekommen. Jetzt hätten es wegen der verschärften Corona-Regeln in Bayern höchstens 1700 sein können – unter strengen Auflagen: geimpft oder genesen plus getestet plus mit FFP2-Maske. Am Ende versammelten sich unter diesen Umständen nur 780. Doch Stunde für Stunde wurde offensichtlicher, warum die meisten von ihnen dennoch erschienen waren. Sie wollten nicht die neuesten Pokale sehen, die der Stadionsprecher Stephan Lehmann präsentierte. Sie wollten nicht die neuesten Zahlen über den Umsatz (643,9 Millionen Euro) und den Gewinn (1,9 Millionen Euro) der Profifußball-AG lesen, die der Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen einordnete. Und sie wollten nicht mal über das Impfen diskutieren. Sie wollten über das Thema sprechen, über das der FC Bayern mit ihnen sonst nicht sprechen will: Qatar.

  Es lässt sich noch nicht genau sagen, was die Mitglieder an diesem Abend des Aufstands erreicht haben. War es eine Rebellion? War es vielleicht sogar eine Revolution? Aus Sicht der Funktionäre war es eines aber ganz sicher: ein totaler Kontrollverlust.

  Wenn man die Eskalation verstehen will, muss man wohl im Januar 2011 anfangen. Damals reisten die Fußballmänner des FC Bayern erstmals für ein Trainingslager nach Qatar. In das Emirat, in dem NGOs bis heute regelmäßig Menschenrechtsverletzungen dokumentieren. In den nächsten Jahren flogen die Bayern immer wieder hin — und fingen an, Sponsorenverträge auszuhandeln. Mit dem Hamad International Airport und anschließend mit der staatlichen Fluggesellschaft Qatar Airways. Ein Deal, der laut Karl-Heinz Rummenigge, dem früheren Vorstandsvorsitzenden, „gutes Geld“ bringt und noch bis 2023 gilt.

 

Rummenigge: „Ein Deal, der gutes Geld bringt“

 

  Das Geschäft stört manche Mitglieder schon lange. Einem, das besonders kritisch war, erteilten die Bayern ein lebenslanges Hausverbot. Sie begründeten das damit, dass der Mann während eines Spiels der zweiten Mannschaft an der Präsentation eines Plakats („Bayern-Amateure gegen Montagsspiele“) beteiligt gewesen sei, das gegen Brandschutzrichtlinien verstoßen habe. Auf einem Foto kann man sehen, dass mehr als 20 Fans dieses Plakat präsentierten.

  Warum wurde aber nur einer bestraft? Der Verein sagt: Weil er schon mal auffällig gewesen sei. Der Anwalt Andreas Hüttl, der das Mitglied vor Gericht vertritt, sagte der F.A.Z.: „Die (Bayern/d. Red.) wollen ihn mundtot machen.“ Denn zuvor hatte der Mann unter anderem im Januar 2020 eine Podiumsdiskussion mitorganisiert. Der Titel: „Katar, Menschenrechte und der FC Bayern — Hand auf, Mund zu?“ Dafür wurde auch ein Vertreter des Vereins eingeladen. Doch der Stuhl, der für ihn vorgesehen war, blieb leer.

  Das war ein Tropfen, der das Fass für ein anderes Mitglied zum Überlaufen brachte: Michael Ott, 28 Jahre alt, Rechtsreferendar. Er hat vor der Jahreshauptversammlung einen Antrag eingereicht, mit dem er den e.V. verpflichten wollte, auf die AG einzuwirken, um den Vertrag mit Qatar Airways nicht fortzuführen. Als der Verein ihn wochenlang ignorierte — den Antrag also weder annahm noch ablehnte — ging er vor Gericht.

  Am Tag der Jahreshauptversammlung wies das Landgericht München I seinen Antrag auf einstweilige Verfügung zurück. Es führte in seiner Begründung an, dass die Versammlung „für den bezeichneten Beratungs- und Beschlussgegenstand laut Vereinssatzung nicht zuständig“ sei. Das stoppte Ott aber nicht. Er kündigte auf Twitter an, den Antrag mit einem Spontanantrag zur Abstimmung bringen zu wollen. Die Voraussetzung dafür wäre eine Dreiviertelmehrheit unter den anwesenden Mitgliedern.

 

Qatar der Elefant im Raum

 

Und damit wieder in die Basketballhalle.

  Am Donnerstagabend sprach der Präsident Hainer als Erster über den Elefanten im Raum. „Ich möchte das Thema Qatar nicht ausklammern“, sagte er. „Wir stellen uns jedem Diskurs.“ Sofort buhten und pfiffen manche Mitglieder. Doch Hainer konterte. Er forderte Sachlichkeit — und nannte ein Gegenbeispiel: „feige“ und „niederträchtig“. Das war der erste Seitenhieb gegen Ott, der das Vorgehen seines Vereins auch in der F.A.Z. mit diesen Worten beschrieben hatte. In der Rede des Vizepräsidenten Prof. Dr. Dieter Mayer folgten weitere.

  So brodelte die Stimmung in der Halle vor sich hin — und kochte nach mehr als drei Stunden über. Unter Tagesordnungspunkt 9: Anträge. Ein Mitglied stellte gleich zwei Vorschläge für eine Satzungsänderung mit Menschenrechten im Mittelpunkt vor.

  Dann war Michael Ott an der Reihe, der neben seinem sogenannten Qatar-Antrag noch zwei andere Anträge — einmal zur Annahme von Anträgen, einmal zum Verkauf von Anteilen an der AG — eingereicht hatte, die zugelassen wurden. Er stellte außerdem einen Spontanantrag zu Qatar, den Mayer auch mit Verweis auf die Entscheidung des Landgerichts untersagte. Das Publikum war empört. Und als Mayer danach über Menschenrechte sprach, stand eine Frau auf der Tribüne und schrie: „Das Problem ist, dass Ihnen die Menschenrechte scheißegal sind!“

  Spätestens in diesem Moment offenbarte sich, was folgte. Die Mitglieder lehnten den großen Satzungsänderungsantrag des Vereins, an dem seit mehr als einem Jahr gearbeitet wurde, mit deutlicher Mehrheit ab. Auch Ott scheiterte an der 75-Prozent-Mehrheit, die für Satzungsänderungsanträge gilt. Dann wurde über die beiden Anträge mit den Menschenrechten abgestimmt. Der Verfasser: Das Mitglied, dem Hausverbot erteilt worden ist.

  Der erste Antrag: „Der Club bekennt sich zum Respekt   gegenüber  allen   international   anerkannten Menschenrechten und setzt sich für die Achtung dieser Rechte ein.“ Im Vergleich zur Version des Vereins wurde der zweite Hauptsatz — vor allem der Hinweis „setzt sich ein“ —  ergänzt. 639 Mitglieder dafür, 25 dagegen. Angenommen.

  Der zweite Antrag: „Der Club setzt sich als Mehrheitsaktionär der FC Bayern München AG für die Umsetzung der Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen ein.“ 595 Mitglieder dafür, 60 dagegen. Angenommen.

  Das führte zu Freude unter den Fans — und davor schon zu einer der Szenen des Abends. Als der Abstimmungsleiter fragte, wer dagegen sei, dass der Klub sich in der Satzung zum Respekt gegenüber allen international anerkannten Menschenrechten bekenne und sich für die Achtung dieser Rechte einsetze, hoben auch sechs Männer ihre Stimmkarte: Der Präsident Hainer, der Vizepräsident Mayer, der Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn, der Finanzvorstand Dree-sen, der Sportvorstand Hasan Salihamidžić und der Ehrenpräsident Hoeneß. Was ein Bild! Was eine Botschaft!

 

Profis reagieren wie Amateure: Patzig, ungeschickt

 

  Man sollte nun nicht vergessen, dass der FC Bayern mehr als 290.000 Mitglieder hat — und an diesem Abend nur 780 entscheiden konnten. Wer weiß, wie die Abstimmungen ausgegangen wären, wenn das Virus nicht verhindert hätte, dass Busse der Fanklubs aus Bayern angerollt wären? Man sollte aber auch nicht vergessen, dass auf dem Podium mit den Funktionären Profis in ihren Bereichen saßen — und sich immer wieder wie Amateure verhielten. Sie antworten, wenn die Mitglieder buhten und brüllten, patzig oder unge-schickt.

  Da war der Vorstandsvorsitzende Kahn, der einen Zwischenruf zum Thema „Round Table“ mit den Fans zum Thema Qatar eine „sehr, sehr gute Idee“ nannte — nachdem ein paar Minuten davor  ein  Mitglied  aufgezählt  hatte, wie  oft so ein Round Table angekündigt worden und dann doch nicht zustande gekommen war, was zum größten Applaus des Abends führte.

  Da war der Vizepräsident Mayer, der die undankbare Aufgabe hatte, den Tagesordnungspunkt 9 zu leiten — und immer wieder auf seinen Titel als Jurist verwies, als wäre er den Mitgliedern dadurch überlegen. Und da war auch der Präsident Hainer, früher mal Adidas-CEO, den man manchmal daran hätte erinnern sollen, dass vor ihm in der Halle keine Aktionäre eines Konzerns saßen, sondern Mitglieder eines Vereins.

  Es war dann auch Mayer, dem der unglücklichste Satz des Abends rausrutschte. Als ein Mitglied in einem Vortrag in Anspielung auf den abgelehnten Ott-Antrag anmerkte, dass Demokratie anders gehe, antwortete Mayer: „Es geht hier nicht um Demokratie.“ Er fügte schnell an, dass der Antrag juristisch nicht zulässig sei. Da lachten aber schon alle.   

  Was sind nun die Folgen der Jahreshauptversammlung? Wie wird Hainer reagieren, der sich „Hainer raus“-Rufe anhören musste? Wie wird Kahn reagieren?

 

Minischritte auf die Mitglieder zu

 

  Am späten Donnerstagabend, als sie die Kontrolle schon verloren hatten, machten sie Minischritte auf die Mitglieder zu. Es sei „bei weitem nicht entschieden“, ob man den Vertrag mit Qatar Airways über das Jahr 2023 hinaus fortführte, sagte Hainer. Er sehe „Verbesserungsbedarf“ und Punkte, „wo wir uns weiterentwickeln können“, sagte Kahn. Waren das schon Reaktionen auf die Kritik?

  In seinem Vortrag sprach auch der Finanzvorstand Dreesen über Kritikkultur. Er sagte: „Ein kritischer Diskurs kann anregen, sich selbst zu reflektieren. Es tut einem gut und gibt meistens bessere Ergebnisse.“ Es war aber die passende Pointe für diese denkwürdige Jahreshauptversammlung, dass Dreesen den Diskurs mit dem Aufsichtsrat meinte. Und nicht den mit den Mitgliedern.                                 

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Die prämierten Texte 2021

Renn, wenn du kannst

1. Platz

In Uganda war Brian Kikawa ein prominenter Rugbyspieler. Dann küsste er einen Mann. Von einem, der nie weglaufen wollte, aber auch in München noch davon träumt, endlich anzukommen.

 

An einem Samstagabend im September 2017, es ist schon dunkel in München, rennt ein

Rugbyspieler aus Uganda mit zwei Männern, deren Namen er nicht kennt, die Stufen zur

U-Bahn-Station Oberwiesenfeld hinunter. In seiner Jackentasche, so viel weiß er noch,

stecken ein Handy, ein Geldbeutel, ein Führerschein und ein abgelaufener Reisepass.

  Drei Tage früher, am Mittwoch, checkt der Rugbyspieler mit der ugandischen National-

mannschaft im Leonardo Royal Hotel ein, zwei Kilometer entfernt vom Olympiastadion,

wo sie am Wochenende bei den „Oktoberfest 7s“ antreten, einem Turnier der weltbesten

Teams.

 

Anruf aus Kampala

 

  Am Donnerstagmittag ruft seine Frau an. Sie fragt, ob alles in Ordnung ist. Auf ihrem Grundstück in Kampala, Ugandas Hauptstadt, haben sie gerade drei fremde Männer besucht, um herauszufinden, wo ihr Mann sich aufhält. Am Donnerstagnachmittag ruft ein Freund aus Kampala an. Die fremden Männer waren gerade auf dem Sportplatz des Rugbyklubs und haben auch dort nach ihm gesucht.

  Am Donnerstagabend kommt der Manager der Nationalmannschaft in sein Hotelzimmer und nimmt ihm den Reisepass ab. Es fehlen noch ein paar Daten, sagt der Manager, für das Turnier. Der Rugbyspieler weiß sofort, dass der Manager lügt.

  Am Samstag flieht er.

  In seiner Verzweiflung hat der Rugbyspieler am Freitag auf der Tribüne des Olympia-stadions auf Englisch zwei Männer angesprochen. Er erzählte seine Geschichte, sie ver-sprachen, ihm zu helfen und tatsächlich warteten sie einen Tag später vor dem Hotel, ge-

hen erst mit ihm zur U-Bahn, setzen ihn dann aber doch in einen schwarzen BMW. Als der BMW wieder anhält, steht er vor einem flachen grauen Gebäude in der Maria-Probst-Straße. Drinnen, sagen die Männer, ist es sicher. Der Rugbyspieler kommt in einen Raum, wo er einem Mann seine Dokumente zeigt: den Führerschein und den alten, abgelaufen-en Reisepass, den er nur zufällig auch mit nach Deutschland genommen hat. Als er den Raum kurz danach wieder verlässt, sind die zwei Männer, die vielleicht sein Leben gerettet haben, verschwunden.

  An diesem Samstag im September 2017 also steht Brian Kikawa, der Rugbyspieler aus Uganda, in einem Ankunftszentrum für Asylbewerber und versteckt sich vor dem Manager und dem Rest der Nationalmannschaft, mit der er in ein paar Stunden wieder nach Kam-pala fliegen soll - an den Ort, wo sich ganz offenbar herumgesprochen hat, dass er einen Mann geküsst hat.

  Es sind in jener Nacht übrigens noch zwei weitere Nationalspieler geflohen und in Mün-chen untergetaucht. Der Rugbyverband Ugandas vermeldet das in einer kurzen Mittei-lung. Auf eine Anfrage zu den genauen Umständen antwortet er nicht.

  Man trifft Kikawa, 31 Jahre alt, zum ersten Mal im Sommer 2018, einen Mann mit ovalem Gesicht und dichtem Stoppelhaar, fast so breit wie groß. Er quetscht seine Oberarme in eine Jacke, seine Schritte werden schneller. In Kampala, sagt er, konnte er manchmal nicht durch die Straßen laufen, weil die rugbyverrückten Menschen ihn, den Nationalspieler, sofort umdrängten. In München, wo er noch mindestens ein Jahr bleiben darf und auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hofft, möchte er manchmal nicht durch die Straßen laufen, weil er findet, dass jeder schwarze Mensch dort angeschaut wird, als wären sie alle mit dem Rettungsboot gekommen. In Kampala war er wer, ein Mann mit Land, Geld und zwei Kindern, die er liebt. Und in München? „Hier habe ich nichts“, sagt er. Seine Stimme zittert. Er bleibt stehen, dreht sich weg. Dann weint er.

 

Mit 19 in der Nationalmannschaft

 

  Er wollte nie wegrennen. Also nie so richtig, immer nur ein paar Meter, weil es Spaß machte und er eben schnell war. Zu schnell für seine Mutter, seine zwei älteren Brüder, seine ältere Schwester, denen er in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Kampala entwischte, wo sie ohne Vater aufwuchsen. Zu schnell für die Kinder in seinem Viertel, was irgend-wann einem Nachbarn auffiel, der ihn zum Rugby schickte. Er war dann auch zu schnell für die meisten Rugbyspieler in Uganda, weshalb er mit 19 Jahren in der Nationalmann-schaft spielen durfte, auf der Außenbahn, wo nur die Allerschnellsten aufgestellt werden. Zweimal aber war Brian Kikawa nicht schnell genug.

  Das eine Mal, er war noch ein kleiner Junge, spielte er in den Ferien auf der Farm seiner Oma in Masaka, einer Stadt im Süden des Landes, mit Kühen und Ziegen, als eine Kuh ausschlug und ihn am Schienbein traf. Seitdem mag er Ziegen lieber als Kühe.

  Das andere Mal stand er nach dem Training in seinem Trikot in der Dusche und küsste einen Spieler, als die Tür aufging und ein dritter Mann sie anstarrte und anschrie. Da rannten sie los, raus aus der Dusche, aus der Kabine, auf den Parkplatz, zum Auto, wo Kikawa sich noch einmal umdrehte und sah, wie eine Gruppe von Männern ihm hinter-herglotzte. Das war einen Tag vor dem Abflug nach München.

  Wenn sich in Uganda zwei Menschen mit demselben Geschlecht küssen, sollten sie sich nicht erwischen lassen. Vor zehn Jahren diskutierten die Parlamentarier ein Gesetz, das manche Homosexuelle sogar mit dem Tod bestrafen sollte. Das Vorhaben scheiterte, das aber ist die einzige gute Nachricht. Simon Lokodo, seit 2011 Minister für Ethik und Inte-gration, sagt: „Homosexualität ist unzumutbar.“ Yoweri Museveni, seit 1986 Präsident, sagt: „Homosexuelle sind ekelhaft.“ James Nsaba Buturo, von 2006 bis 2011 Vizepräsi-dent, sagt: „Auch bei Menschenrechten gibt es Grenzen. Es geht um Analsex. Das ma-chen nicht mal Tiere.“

  Brian Kikawa, ein homosexueller Rugbyspieler, sagt: „Wer Glück hat, wird zusammenge-schlagen. Wer weniger Glück hat, wird in einen Autoreifen gesteckt und angezündet.“ Im Oktober erst ist der LGBTQ-Aktivist Brian Wasswa in seinem Haus mit einer Gartenhacke angegriffen worden. Als Nachbarn ihn fanden, blutete sein Kopf, er starb im Krankenhaus.

  Brian Kikawa kennt viele solcher Geschichten. Was in seiner Heimat vorfällt, bekommt er auf Facebook mit. In der Bahn holt er fast immer sein Handy aus der Hosentasche, scrollt durch seine Timeline. Und weil er in München oft mit der Bahn fährt, ist er auch oft auf Facebook. Er will sich fast immer an Orten in U-Bahn-Nähe treffen. Dort erzählt er die Geschichten, die er kennt, die aber nicht auf Facebook oder irgendwo sonst stehen, weil er sie selbst erlebt hat.

 

Die Narbe

 

  Station Münchner Freiheit, ein mexikanischer Imbiss. Auf einem Hocker sitzt Brian Kikawa und zieht sein T-Shirt hoch. Er legt seinen Zeigefinger auf den Bauch, linke Seite, Nabelhöhe. Dann fährt er mit dem Finger nach oben, fast bis zum Brustansatz, immer entlang der Narbe, die in zehn Jahren nur ein bisschen verblasst ist.

  In Jinja, einer Stadt am Ufer des Viktoriasees, traf sich die Nationalmannschaft damals zum Trainingslager. Er teilte sich das Hotelzimmer mit einem neuen Spieler. Sie flirteten schon länger, mit Blicken, nicht mit Worten. Am letzten Abend durften sie feiern, zwischen zwei und drei Uhr torkelten die beiden zurück zum Hotel, umhüllt von der Dunkelheit streichelten sie sich, küssten sich, immer wieder, bis sie diesen Schrei hörten, so laut und lang, dass er die Anwohner weckte. Männer stürmten auf die Straße. Dann trat aus der Dunkelheit ein Mann hervor, der, so vermutet es Kikawa, ebenfalls dort wohnte, und mit seinem Finger auf die beiden zeigte: „Die zwei haben sich geküsst, ich hab's gesehen.“ Die Männer schlugen zu, sie drückten Kikawa so fest auf den Boden, dass ein scharfer Gegenstand ihm den Bauch aufschlitzte. Kikawa zieht sein T-Shirt wieder herunter. Er hat Glück gehabt: nur zusammengeschlagen, nicht getötet.

 

Eine Zwangsheirat

 

  Station Großhadern, ein Sportplatz. Auf dem Rasen reißt ein Mädchen einen Jungen um. „Er war zu langsam“, sagt Brian Kikawa, „er muss den Ball früher passen.“ Er sitzt im Stadion des MRFC München, eines der zwei großen Rugbyklubs der Stadt, und schaut den Mädchen und Jungen zu, die gerade bei den Deutschen U12-Meisterschaften auf dem Feld auf und ab rennen, dem Ball hinterher. Zwischen den Spielen drückt Kikawa auf seinem Handy herum, öffnet Whatsapp, tippt ein Foto an. Es zeigt seine Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, vier und zwei Jahre alt. Mit ihnen sollte sich doch alles ändern.

  Als Kikawa damals mit der Nationalmannschaft aus Jinja zurückkehrte, verhörte ihn in Kampala ein Polizist. Er wollte wissen, was in der Nacht vorgefallen ist. Und Kikawa, er kann das heute selbst nicht fassen, gab zu, seinen Mitspieler geküsst zu haben. Der Polizist rief Kikawas Mutter an, sie weinte. Die Mutter rief die Brüder und die Tanten an, sie weinten auch. Lass ihn doch gleich im Knast, sagten sie. Lass ihn bitte gehen, sagte die Mutter. Sie bestach den Polizisten, mit Geld und einem Versprechen: Ihr Sohn heiratet eine Frau, sofort. Also heiratete Brian Kikawa eine Frau, wenn auch nur zeremoniell, nicht kirchlich. Wird schon gehen, dachte er.   Geht gar nicht, fand er heraus. Es war anders als mit seinem Schulfreund, den er mit 13 Jahren küsste und mit dem er mit 16 Jahren Sex hatte, heimlich, in dessen Wohnung. Es war anders als mit seiner ersten großen Liebe, den er im Trainingslager zum ersten Mal küsste, den er liebte und manchmal behutsam boxte, weil das beiden gefiel. Seine Frau wollte nie behutsam geboxt werden und er wollte seine Frau nicht küssen. Doch als seine Mutter nach zwei Jahren fragte, warum es eigentlich noch kein Baby gibt, machte er halt ein Baby und später dann noch eins. Denn wer ein Kind hat, sagt Kikawa, den hält man immer noch für schwul. Wer aber zwei Kinder hat, der hat sich vermutlich geändert.

  Es hat sich dann fast alles geändert, nur halt nicht so, wie er das wollte.

 

Seine Kinder liebt er über alles

 

  Er hasst es, über seine Kinder zu reden, weil er sich dann selbst hasst. Seine Frau liebte

er nie, seine Kinder aber über alles. Jetzt ist er froh, wenn er sie zweimal im Monat, klein und verwackelt, auf seinem Handybildschirm sieht. Er ruft sie auf Whatsapp an, aber sein 

dass er ihn liebt, aber der Sohn, glaubt er, versteht nicht, warum er ihm das nicht in Ugan-da sagen kann. An manchen Tagen will Kikawa nicht mit seinen Kindern reden. Er sagt:  "Ich ertrage es einfach nicht."

  Er verlässt den Sportplatz, seine Schritte werden schneller, wie so oft. Er hat noch einen Termin, er hat eigentlich immer noch einen Termin. Er arbeitet bei der Post am Hirsch-garten, hebt Gewichte in Giesing, lernt Deutsch an der Hackerbrücke, spielt Rugby im Englischen Garten, pfeift als Schiedsrichter Spiele im ganzen Land. Er schläft manchmal in einem Zimmer in Gröbenzell (zahlt der Staat), manchmal auf einer Couch im Olympia-dorf (zahlt ein Freund), aber zu Hause ist er an beiden Orten nicht. Er hetzt mit Bahn, Bus und Tram durch eine Stadt, in der er seit mehr als zwei Jahren wohnt, aber nie angekom-men ist. Er wechselte die Arbeit, auch den Rugbyverein. Seine Geschichte erzählt er nur, wenn er wirklich muss. Er lernt viele Leute kennen, aber nur wenige ihn.

  Am Anfang dachte er noch, dass man in München auffallen darf. Auf der Tribüne des Olympiastadions sah er damals zwei Männer, die sich einfach küssten. Es waren jene zwei, die ihm bei seiner Flucht halfen. Sie hat er nie wieder getroffen, dafür andere Män-ner. Meistens in Clubs, nur einer nahm ihn mit ins Theater. Er durfte sie streicheln und küssen und wurde danach nicht verprügelt, mit manchen hatte er Sex, aber sie haben ihm danach oft gesagt, dass sie das für sich behalten und er, wenn er denn klug ist, das auch so machen soll. Eigentlich wollte er es anders machen. Er wollte erzählen, warum er wirk-lich hier ist. Dann dachte er aber an die Männer. Und an alle anderen. Was sagen die Leute, mit denen er arbeitet? Was sagen die Leute, mit denen er Rugby spielt? Was werden sie tun? Natürlich gehen diese Fragen in einer großen auf: Wie kann es sein, dass ein Mann, der, weil er Männer liebt, Uganda mit einer großen Narbe am Bauch und vielen großen Narben auf der Seele verlassen hat, nun glaubt, dass er diese Narben in Deutschland verstecken muss?

 

Warten auf den wunderschönen Morgen

 

  Brian Kikawa hat keine Zeit, sich über diese Frage den Kopf zu zerbrechen. Er ist zu sehr beschäftigt mit seinem neuen Leben in München und seinem alten Leben in Uganda, wo seine Kinder, das fürchtet er jedenfalls, nicht mehr sicher sind, seitdem die Zeitungen abfällig über ihn geschrieben haben. Auf der Website der Kampala Sun zum Beispiel ist am 7. Oktober 2017 ein Artikel auf Englisch erschienen, in dem steht, dass Kikawas "Vorliebe für Männer ein offenes Geheimnis" und "sein unersättlicher Appetit" in München erwacht sei. Seine Frau, sagt er, musste ihren Job kündigen. Sie zogen in eine neue Wohnung, finanzieren jetzt ihr Leben mit 400, 500 oder auch mal 700 Euro, die er hier verdient. Es gibt Leute, glaubt er, die wollen sie töten. Also hastet er weiter jeden Tag durch München, vielleicht findet er irgendwo einen Menschen oder einen Job, der alles ändert.

  Er würde gerne zurück nach Uganda, weiß aber, dass es gerade nicht geht. Dann lieber seine Kinder hierherholen, aber wer hilft ihm? "Ich habe keine Familie mehr", sagt er. Die meisten Verwandten gehen nicht ans Telefon, wenn er sie anruft. Nur ein Bruder. Und seine Mutter. "Aber sie denkt immer noch, dass ich eigentlich gar nicht schwul bin."

  Theresienwiese, ein kleiner Raum mit Bühne. Auf ihr sitzen eine Musikerin und ein Musiker aus Deutschland. Einmal im Monat treffen sie sich hier, um mit Menschen aus aller Welt Musik zu machen. An diesem Abend spielt ein junger Mann aus Nepal Gitarre, ein blinder Serbe Akkordeon und ganz hinten, etwas versteckt, klopft Brian Kikawa mit zwei Sticks auf die Trommel des Schlagzeugs. In Uganda trat er mit einer Band in Cafés und Clubs auf. Als sie schon zwei Stunden gespielt haben, sagt die Musikerin einen Song an. Er heißt: "In The Beautiful Tomorrow". Sie beschreibt das Lied als "ein Stück mit der Hoffnung, dass alles besser wird". Brian Kikawa trommelt mit den Sticks und hofft wie jeden Tag, dass es irgendwann ein wunderschönes Morgen gibt.

Christopher Meltzer (Jahrgang 1993) wurde in Fried-richshafen geboren. Er wuchs im oberschwäbischen Dorf Grün-kraut auf, machte in Ravensburg Abitur, fing dort auch mit dem Schreiben in der Lokalredaktion der „Schwäbischen Zeitung“ an. An der Ludwig-Maximilians-Universität in Mün-chen studierte er Politikwissenschaft und Geschichte, ver-brachte die meiste Zeit aber beim Radiosender M94.5. Er schrieb nebenher auch für das Basketballmagazin „Five“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Volontariat beim „Münchner Merkur“. Seit Sommer 2020 Sportkorrespondent der Frank-furter Allgemeinen Zeitung mit Sitz in München.

2. Platz

Die Raumdeuter

Trotz Weißbier zur Mittagszeit, Phrasenschwein und Skandalprofis: Die Talkshow "Doppelpass" nimmt bei Sport1 seit 25 Jahren den Fußball so ernst, wie die Fans das auch tun - mit Erfolg.

Thomas Hürner (Jahrgang 1990) wurde in Aichach geboren und kam 2018 als Volontär zur Süddeutschen Zeitung. Zwei Jahre später, obwohl als halber Brasilianer eher der Sonne zugetan, ist er als SZ-Sportkorrespondent im kalten Norden gelandet, wo er sich um Sorgenkinder wie den HSV oder Werder Bremen kümmert. Zuvor hatte er eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten und ein Studium der Politikwissenschaft und Soziologie in Augsburg absolviert. Finanziert wurde das durch eine freie Autorentätigkeit für den Sportteil der FAZ, Zeit Online und 11 Freunde. Hat in einem Buch auch mal "101 Dinge, die ein Fußball-Fan wissen muss" festgelegt.

Prämierte Texte

Wettbewerb 2019/20

Linke Spalte: Aktuelles, Pdf-Datei Stegmann-Preis 2020, Sonderdruck

1. Preis 2018/2019

                         Was vom Bösen bleibt

                          VON BENEDIKT WARMBRUNN

Vor 30 Jahren war Mike Tyson der gefürchtetste Boxer des Planeten. Er saß zweimal im Gefäng-nis, er biss Evander Holyfield ins Ohr, er verprasste 300 Millionen Dollar. Jetzt geht er mit seiner Geschichte auf Tour – und ist sich selbst dabei fremd geworden.

  Als Mike Tyson zehn Jahre alt war, überfiel er alte Frauen in Aufzügen, verprügelte sie, raubte sie aus. Als er 20 Jahre alt war, gewann er als jüngster Schwergewichtsboxer der Geschichte die Weltmeisterschaft. Als er 30 Jahre alt war, biss er seinen Gegner Evander Holyfield ins Ohr. Als er 40 Jahre alt war, war er bankrott. Jetzt, mit Anfang 50, lebt Mike Tyson davon, dass er einmal ein Zehnjähriger, ein Zwanzigjähriger, ein Dreißigjähriger und ein Vierzigjähri-ger war. Er lebt davon, dass er all diese Jahrzehnte überlebt hat.

 

Tyson klebt auf seinem Stuhl

 

  Donnerstagabend, ein Hotel am Englischen Garten in München, zwei Stunden vor dem Auf-tritt. Mike Tyson hat sich in den „Salon Picasso“ zurückgezogen, ganz ans Fenster, dort klebt er auf einem Stuhl. Auch zur Begrüßung bleibt er kleben, es erhebt sich allein seine riesige rechte Pranke, die einem flauschig die Hand umhüllt. Auf seinem Knie liegt ein kleines Handtuch. Tyson, 51, sagt: „Wenn ich an all das, was ich erlebt habe, zurückdenke, dann denke ich darü- ber auf eine gute Art nach. Ja, ich habe all das gemacht. Ja, ich habe viel gesehen. Und trotz- dem ich bin noch lebendig.“

  Der Abend in München ist die zweite Station auf seiner ersten Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, am Abend zuvor war er in Wien, in der Nacht geht es weiter nach Zürich, zehn Auftritte in zwölf Tagen. Laut An- kündigung erzählt Tyson dabei die „unglaubliche wahre Geschichte des besten Boxers der Welt“; mit einer ähnlichen Version war er vor sechs Jahren am Broadway aufgetreten, unter der Re- gie von Spike Lee, die Kritiken waren wohlwol-lend. 2014 veröffentlichte er seine Autobiografie „Unbestreitbare Wahrheit“, im vergangenen Jahr folgte ein Buch über die Jahre mit seinem ersten Trainer, Cus D’Amato.

  Am Hotelfenster, in der Abendsonne, tänzeln auf Tysons Stirn kleine Schweißperlen. Seine kastanienbraunen Augen fixieren einen, er blickt nicht weg, er blinzelt fast nie. Er kennt das Re-

den über seine Geschichte, er kennt alle Fra- gen, er kennt alle Antworten. Es wird ein Gespräch wie seine frühen Kämpfe, Schlag auf Schlag, keine Pause, zwölfeinhalb Minuten lang. Zu Beginn sagt er: „Wir können über alles reden.“ Mit dem Handtuch wischt er sich den Schweiß von der Stirn.

   Schon als junger Mann hatte Tyson begriffen, dass ein Boxer nicht in erster Linie ein Athlet ist, sondern eine literarische Figur. Tyson, der als Siebenjähriger die Schule abgebrochen hatte, sprach wie ein Straßenintellektueller aus Brook-lyn, am liebsten sprach er über die Dunkelheit in sich selbst. Er sagte zum Beispiel: „Ich bin nur ein dunkler Typ aus dem Sündenpfuhl.“ Als sein Vorbild bezeichnete er Sonny Liston, in den 1960er-Jahren der Böse des Schwerge-wichtsboxens, dem 1962 John F. Kennedy eine Niederlage wünschte, den Cassius Clay als

„großen, hässlichen Bären“ beschimpfte, der unter mysteriösen Umständen starb, als 38-Jäh-riger, mit einer Nadel im Arm. Liston wurde nie akzeptiert, aber er wurde gefürchtet. Re- spekt, das hatte auch Tyson auf der Straße gelernt, bekommt man nur durch Gewalt. Also lautete seine Botschaft: Fürchtet euch!

  Die meisten seiner Kämpfe gewann er vor dem ersten Gong, er biss Lennox Lewis auf einer Pressekonferenz in den Oberschenkel, er kündigte den Kindern seiner Gegner Schmer- zen an, und er hatte diesen irren, wahnsinnigen Blick eines Pitbulls.

 

Fürchtet Euch nicht mehr

 

 Nun, mit Anfang 50, nach zwei Haftstrafen, zwei Scheidungen, eineinhalb Jahrzehnten in den Schulden, erzählt er seine Geschichte mit einer anderen Botschaft. Sie lautet nun: Fürchtet euch nicht mehr!

  Auf Aufzeichnungen seiner Auftritte am Broad-way ist ein Mann zu sehen, der sich über sich selbst lustig macht, der zwar ein bisschen steif läuft, aber weiterhin beweglich ist, vor allem in jenem Oberkörper, mit dem er schon zu Beginn seiner Karriere so vielen Schlägen ausgewi- chen ist, und dann war er auf einmal nah dran am Gegner und konnte ihn mit seinen kurzen Armen attackieren. Der Mike Tyson vom Broadway genießt es, sich selbst nicht mehr allzu ernst nehmen zu müssen. Er hat einen neuen Weg gefunden, um respektiert zu werden: seinen Humor.

  „Ich liebe es zu lächeln“, sagt Tyson am Hotel-fenster, „als ich ein Fighter war, habe ich nie ge-

lächelt. Jetzt als normaler Bürger lächle ich sehr viel. Es sind zwei verschiedene Leben, zwei verschiedene Welten.“ Ob er sich als hu- morvoll bezeichnen würde? „Ich glaube, ich habe einen guten Sinn für Humor.“ Wie dieser aussehe? „Kann ich nicht sagen. Ich verstehe Humor nicht wirklich. Eigentlich rede ich einfach nur, und manchmal lachen die Leute eben.“ Genießt er die Auftritte auf der Bühne? „Ich fühle mich dort ziemlich normal, es fühlt sich so an, als ob ich auf die Bühne gehöre.“ Das einzige Mal im Gespräch macht Tyson eine kurze Pause. „Aber es fühlt sich auch so an, als ob ich über das Leben eines anderen Menschen rede.“

  Mike Tyson hat seine Lebensgeschichte erzählt und erzählt und erzählt. Er hat sie so oft erzählt, dass ihm dieser Mensch, dessen Leben er nacherzählt, irgendwann fremd geworden ist.

Vielleicht lässt es sich nur ertragen, Mike Tyson mit 51 zu sein, wenn man den Mike Tyson der ersten 40 Jahre als Kunstfigur sieht. Den Jungen, der als Zwölfjähriger 38 Mal von der Polizei festgenommen worden war. Den jungen Boxer, der zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, weil er eine Kandidatin bei einem Schönheitswettbewerb vergewaltigt hatte. Den nicht mehr ganz so jungen Boxer, der in einem einzigen irren, atemlosen Schlagabtausch lebte. Der be-sinnungslos soff, der kokste, der Nutten bestellte, angeblich einmal 24 für eine Nacht. Der 300 Millionen Dollar verprasste, alleine bei einem einzigen Einkauf bei Versace 150. 000. D’Amato, sein wichtigster Trainer, sein Ersatzvater, hatte ihn davor bewahrt, ein Krimi- neller zu bleiben. Aber er hatte ihn nie von die- ser kriminellen Energie befreit. „Cus wünschte sich den gemeinsten Boxer, den Gott jemals erschaffen hatte“, hat Tyson geschrieben. Und Tyson war dankbar, dass er all den Hass, die Wut, die Selbstzweifel wegprügeln durfte.

 

„Heute bin ich im Licht“

 

  „Das Boxen hat viel für mich gemacht, aber es war nicht gut für mich“, sagt Tyson in München,

„es hat mir ein riesiges Ego gegeben, es hat einen arroganten Typen aus mir gemacht. Und ich bin nicht die Art von Mensch, die in der Position sein sollte, ein überlegener Kerl zu sein. Manch-

mal verliere ich nämlich den Verstand.“ Ob er heute noch diese dunkle Kraft in sich spüre? Heu-

te bin ich im Licht. Ich sehe jetzt alles klar.“ Wann ihm der Übergang gelungen sei? „Als meine Tochter gestorben ist.“ Im Mai 2009 strangulierte sich die damals Vierjährige an der Kordel ei-

nes Laufbandes – das Thema hatte der Manager vorab verboten, genauso wie die Vergewalti-

gung. Wenn er über diese Ge- schichten nachdenkt, packt Tyson die Dunkelheit manchmal noch, er verfällt dann wieder in die Verhaltensmuster des Straßenjungen. Nun spricht Tyson es selbst an, er bleibt ruhig. „Nach ihrem Tod habe ich mein Leben geändert. Davor habe ich mich wie ein typischer Macho verhal ten, mit allem, was dazugehört. Jetzt bin ich demütiger. Ich habe nicht mehr viel an Leben übrig. Und dabei möchte ich glücklich sein.“ Das Schweißtuch ist in-

zwischen nicht mehr trocken, er rubbelt sich über die Stirn.

  Als das Gespräch vorbei ist, geleitet Tysons Manager Nick aus dem Zimmer. Er sagt, dass er sich einen guten Text erhoffe, sonst sehe man sich im Ring wieder. Das wäre eine Freude. Auf diese Antwort hin kommt erstmals richtig Bewegung in den Mann am Fenster. Tyson bellt vor Lachen, er schüttelt sich.

  Eine halbe Stunde später, in einem Saal im Erdgeschoss des Hotels, noch wenige Minuten bis zum Auftritt. 34 Tische stehen im Saal, Karten gab es für 449 Euro (Kategorie: Gold) oder für 469 Euro (Iron) oder je nach Verhand-lungsgeschick. An Tisch 33 sitzen auch: ein Vater und sein 18 Jahre alter Sohn aus Bozen, die den Moderator des Abends kennen; Mirza, ein junger Boxer aus München, der auch als Model sowie für Greenpeace arbeitet, und der alleine gekommen ist, weil er niemanden gefunden hat, der ebenfalls so viel Geld ausgeben wollte; ein sizilianischstämmiges Gastronomen-paar aus Kempten, das einen gewissen „Ali aus dem Allgäu“ sponsert, gekommen sind sie nur, weil der Mann die Tickets schon gekauft hatte. Auf den vier anderen Stühlen sitzt niemand. Andere Tische bleiben komplett frei, an Tisch 7 trinkt ein Mann alleine sein Bier.

  Der Auftritt beginnt mit einem Fototermin mit Tyson. Linke Hand auf die Schulter, mit rechts ein flauschiger Griff, Lächeln, zwei Sekunden lang, der Nächste, bitte. Den Reporter, dem er keine Stunde zuvor zwölfeinhalb Minuten lang ununterbrochen in die Augen gestarrt hatte, erkennt Tyson nicht wieder. Nach einer halben Stunde Händeschütteln zieht er sich noch einmal zurück in den „Salon Picasso“.

 

Tyson klebt auf seinem Hocker

 

  Wenige Minuten später eröffnet der Moderator, ein Südtiroler, die eigentliche Show, er brüllt ins Mikrofon, dass der Saal nun bitte the baddest man on the planet begrüßen möge. Lauter App- laus, die Leute stehen auf. Der böseste Mann des Planeten schleppt sich mit langsamen, schwerfälligen Schritten in den Saal, die Arme baumeln, der Kopf hängt leicht nach vorne. Er setzt sich auf einen Hocker. Dort wird er 90 Minuten lang kleben bleiben, er wird nicht herumlaufen, er wird nicht mit dem Oberkörper pendeln, er wird ausschließlich den Moderator fixieren. Die Käufer der Gold- und der Iron-Tickets wird er nicht einmal anschauen.

  Die Frage, die über diesem Abend schwebt, lautet auch: Wenn einer fast alles Böse auf dieser Welt gemacht hat, wenn er all dem entsagt – was bleibt dann noch übrig? An diesem Abend ist es allein die Erinnerung daran, wie lebendig, wie unterhaltsam der böse Tyson war.

  Der Moderator stellt lange, wohlwollende Fragen, er bekommt kurze Antworten. Tyson wirkt müde. Selten redet er einfach drauflos, die Leute lachen selten. Als er erzählt, dass er nach seiner ersten Hochzeit weiterhin Freundinnen hatte, gibt es lauten Applaus. Als er sagt, dass er Holyfield 1996 nicht nur einmal gebissen habe, sondern zweimal: wieder lauter Applaus. Als es um seine Stiftungen geht: höflicher Bei-fall. Lebhafter wird Tyson allein, als es um den zweitem Holyfield-Kampf geht, die Gäste bekommen da gerade Bayerische Creme mit marinierten Früchten serviert. Tyson richtet sich in seinem Stuhl auf, seine Stimme wird kräftiger, „das Ohr“, sagt er, „hat richtig schlecht ge- schmeckt“. Nach sieben Gesprächsrunden schlurft er wie der aus dem Saal.

  Eine halbe Stunde später verlässt Tyson das Hotel, drei Fans, doppelt so viele Bodyguards. Einer kommt dennoch zu Tyson durch, er lässt sich für seinen Sohn Boxhandschuhe signieren. Danach steigt Tyson in den Bus, lässt sich in den Sitz fallen, schließt die Augen.

Dann lässt er sich durch die Dunkelheit fahren.

2. Preis 2018/19

Die Löwen-Mama

An diesem Montag sperrt Christl Estermann das Löwenstüberl zu. In fast 27 Jahren gab sie alles, was sie hat: ihre Liebe, ihre Leidenschaft – und leider auch ihr Geld. Ein Besuch an dem Ort, der viel über den TSV 1860 erzählt, aber noch mehr über die Frau, die ihn mit Leben füllte.

                  VON CHRISTOPHER MELTZER

Am letzten Freitag des Jahres sitzt eine alte Frau in dem kleinen Stüberl in der Grünwal- der Straße 114 und zittert sich eine Zigarette zum Mund. Eigentlich darf sie hier gar nicht rauchen, aber das ist ihr egal, weil sie hier die Regeln macht. Seit 27 Jahren spaziert sie fast jeden Tag aufs Gelände des TSV 1860, durch das blaue Tor, biegt links ab, quetscht sich an den Bierbänken vorbei und schließt die Tür des Löwenstüberls auf, an dem ihr Name steht und in dem sie jetzt sitzt. Wenn sie aber am Dienstag, am 1. Januar, wiederkommt, hat sie keinen Schlüssel mehr, irgendwann wird dann auch ihr Name an der Tür verschwunden sein. Die Frau zieht hastig an ihrer Ziga-rette, legt sie in den Aschenbecher. Sie weint. „Es tut mir furchtbar weh“, sagt Christl Estermann. „Aber alles geht mal zu Ende.“

  Man kann das Ende im Löwenstüberl an diesem Freitag schon sehen. An den Wänden zum Beispiel. Früher waren sie mit Erinnerungsstücken dekoriert, geblieben sind nur: ein Poster der Meistermannschaft von 1966, drei Fan- schals, zwei Bilder, eine Fernsehhal-terung ohne Fernseher, eine Pendeluhr, ein Kreuz. Früher erzählte das Stüberl auf nur 59 Quadratmetern die nie langweilige Geschichte des TSV 1860, eines Fußballvereins, der die Menschen in München stets bewegte, weshalb er sich vielleicht noch immer für etwas wichtiger hält, als er eigentlich ist. Heute aber erzählt das Stüberl die tragische Geschichte von Christl Estermann, 75, der Wirtin, die 1992 angefangen hat, jetzt aber nicht mehr kann, weil sie hier alles gelassen hat: ihre Liebe, ihre Leidenschaft, ihre Freizeit – und leider auch ihr Geld. Ab dem 1. Januar bleiben ihr 250 Euro pro Monat, mehr gibt die Rente nicht her. Sie wird zum Sozialamt gehen müs- sen. Trotzdem sagt sie: „Es war mein Traumleben.“

  An diesem letzten Freitag des Jahres kommt Christl Estermann zu spät ins Stüberl. Sie war beim Friseur, für ihren Abschied hat sie sich die Haare nochmal blond färben lassen. Jetzt, um kurz nach 12, steht sie mit zwei Papiertüten vor der Bar, in einer sind Weißwürste, in der ande- ren Brezn. „Und die Eier?“, fragt ihre Mitarbeite- rin. „Hab’ ich gestern gekauft“, sagt sie, „die müssen hinten sein.“ Sind sie aber nicht. Estermann grummelt, dreht sich, zeigt auf einen Tisch mit vier alten Männern, zählt laut durch: Eins, zwei, drei, vier. Dann sagt sie: „Da sind doch genug Eier.“ Die Männer lachen. Ester-mann sagt: „Du musst für jeden ein Sprücherl haben.“

  Am Holztisch neben der Bar sitzen an diesem letzten Freitag des Jahres jene vier Männer, die dort so viel Zeit verbringen, dass die meisten beim TSV 1860 gar nicht mehr wissen, wann sie sich eigentlich das erste Mal hingesetzt haben. Heute jedenfalls kam der Falk schon um kurz vor 10, dann nacheinander der Herrmann, der Gerhard und der Günter. Sie treffen sich im Löwenstüberl, um zu trinken, zu essen (Schin-kennudeln), zu schafkopfen und natürlich um zu schimpfen. Über Trump, über Steinmeier, über 1860. Sie treffen sich auch, um sich zu helfen. An diesem Morgen etwa versuchen sie heraus-zufinden, warum der Falk mit seinem Klapphan-dy plötzlich keine SMS versenden kann. Der Falk übrigens kennt die Christl am längsten, er ging schon zu ihr, als sie noch in der Giesinger Kneipe C2 arbeitete. Und als der Gastronom Karl-Heinz Wildmoser, damals 1860-Präsident, ihr das Stüberl anvertraute, kam der Falk einfach mit. Es ist nämlich so: Vor allem treffen sich der Falk und seine Freunde hier, weil sie ihre Christl mögen, die seit 27 Jahren jeden Tag ein Sprücherl für sie hat.

 

Ur-Münchnerin aus Erfurt

 

  Am Holztisch neben der Garderobe sitzt ein paar Minuten später Christl Estermann und denkt noch mal an früher. Sie erzählt dann, dass sie eigentlich in Erfurt geboren ist, mit ihrer Mutter aber nur vier Wochen später nach Mün- chen zog, weshalb sie auch eine Ur-Münchnerin sei. Sie erzählt, dass sie gelernte Textilkauffrau ist, die erst durch ihren Mann (mit dem sie zwei Töchter hat und der recht früh gestorben ist) zur Gastronomie kam. Und irgendwann erzählt sie noch, dass sie damals auch gehofft hat, beim TSV wieder einen Mann zu finden und dass es auch schon ein paar gegeben hätte, aber ihr selbst für Männer irgendwann die Zeit gefehlt habe.

  An den zwei Tischen, dem neben der Bar und dem neben der Garderobe, kann man zu-

mindest ein bisschen die jüngere Geschichte des TSV 1860 nacherzählen. Neben der Gar-

derobe saß zwischen 1994 und 1997 hin und wieder der Spieler Manfred Schwabl, der ein-mal angeblich drei Wurstsemmeln und eine Portion Schinken-nudeln bestellt hat. Und als Christl Estermann fragte, ob er das alles jetzt gleich essen wolle, meinte Schwabl nur: „Ja, i hab’ ja no an weiten Weg hoam.“

  Neben der Bar saß von 1992 bis 2001 dann meistens der Trainer Werner Lorant, der stets einen „Expresso“ bestellte und den Estermann mehr mochte als die vielen Trainer, die nach ihm kamen. Ihr gefiel einfach seine derbe Art. Sie erwischte ihn mal, wie er seine Spieler um 4 Uhr morgens über den Trainingsplatz neben dem Stüberl scheuchte. „Die haben ver-loren“, sagte er, „die sollen büßen.“ Einmal aber, erinnert sie sich, schlich Lorant ins Stü-berl, die Trainingsjacke über den Arm gehängt. Was los sei, habe sie sofort gefragt. Er sagte: „Die haben mich entlassen.“ Heute sagt Estermann: „Das war ein schlimmer Tag für mich.“

  17 Jahre ist das nun her, die schlimmen Tage sind seitdem aber mehr geworden. Dem Löwenstüberl und seiner Wirtin fehlte das Geld. „Ich bin ein Mensch, der es gut meint, der das Gute sucht“, sagt sie. Vielleicht findet sich da der Fehler. Vielleicht hätte sie nicht Ange-

stellte beschäftigen sollen, die sie sich eigentlich nicht leisten konnte. Vielleicht hätte sie strenger abkassieren sollen, auch bei den „Expressos“. Vielleicht hätte ihr zuletzt auch der Verein helfen müssen (Estermann: „Da will ich mich nicht auslassen, das gibt nur böses Blut“). Die vergangenen zwei Jahre hielt sie nur durch, weil der Investor Hasan Ismaik ihr die Miete bezahlte.

  Jetzt also sperrt Christl Estermann ihr Stüberl zu. Es soll wieder aufmachen, ohne sie. In diesen letzten Tagen hat ihr die Stadt noch einen Brief geschickt. Ein strenger Gast hatte beklagt, dass im Stüberl geraucht wird. Doch der Christl können nicht mal die bayerischen Bürokraten böse Briefe schreiben. Sie wiesen freundlich darauf hin, das mit dem Rauchen doch bitte zu lassen.

  An diesem letzten Freitag des Jahres drückt Estermann am Tisch neben der Garderobe die Zigarette aus, es war vermutlich nicht ihre letzte. Auf sie kommen schwere Zeiten zu, die Last der Armut kann erdrückend sein. Und obwohl sie das weiß, sagt sie noch mal: „Es war mein Traumleben. Ich war da, wo ich hingehört hab.“

3. Preis 2018/19

„Bist du deppert!“

Einen deutschen Sieger in Kitzbühel? Auf der Streif? Werden wir in naher Zukunft nicht erleben, glaubten sie bis vor wenigen Jahren im Deutschen Skiver- band. Nun gewinnt der 24 Jahre alte Thomas Dreßen die bekannteste und schwerste Abfahrt der Welt. Die Ge-schichte einer erstaunlichen Winterreise.

 

VON JOHANNES KNUTH

 

Das Besondere an dieser Abfahrt spürt man spätestens dann, wenn man den Tunnel unter der Haupttribüne passiert und in den Zielraum eintaucht. Kurz ein Blick zurück auf die Tribüne, DJ Ötzi sitzt links, Schwarzenegger in der Mitte, Vizekanz-ler Strache rechts außen, aber die Promis, das macht es nicht aus, das Besondere. Es ist der Hang, der vor einem gen Himmel wächst. Und der Lärm.

 

100 Gelegenheiten, es zu verhauen

 

15 .000 Zuschauer drängen sich in Kitzbühel im Zielraum, 30. 000 weitere stehen an der Strecke; ihr Geschrei ist auch von dem Wissen erfüllt, dass die ganze Welt gerade zu-schaut. Alles verstärkt sich, kurz bevor diese Abfahrt beginnt, der Lärm im Tal, die Ruhe im Starthaus, die noch ruhiger wirkt, weil rundherum alles vor Vorfreude dampft. Die Fahrer sehen noch ein bisschen ernster aus als sonst, sie wissen, dass sie jetzt eine Chance ha-ben, ihre Karriere auf ein neues Niveau zu heben. Und 100 Gelegenheiten, es zu verhauen.

Thomas Dreßen vom SC  Mittenwald war am Samstag als 19ter dran; viele hatten sich schon damit abgefunden, dass der Schweizer Beat Feuz gewinnen würde. Dreßen war im Vorjahr in Kitzbühel im Steilhang gestürzt und so heftig ins Netz gerauscht, dass es alle schüttelte, die danebenstanden. Im Super-G war er ausgeschieden. Das war alles, auf das er sich berufen konnte, als er in diesem Jahr anreiste, es war sein zweiter Auftritt in Kitz-bühel.

  Die Fahrer brauchen eigentlich Jahre, ehe sie die Streif bändigen, die viele kleine Ge-

meinheiten zu einer riesigen Gemeinheit zusammenknüpft. Und Dreßen? Fuhr am Sams-tag nicht so, wie 24-Jährige hier fahren. Er rauschte unaufgeregt ins Tal, fuhr sauber im Steilen wie im Flacheren, auch in der Traverse, wo die Fahrer ins Ziel schießen wie leben-de Kano- nenkugeln. Dann schwappte ein spitzer Schrei durchs Tal. Der erste Weltcup-Sieg? Auf der Streif? „Ich dachte“, sagte Dreßen später, „die wol- len mich verarschen”.

Oder, übersetzt ins Österreichische: „Bist du deppert?!”

  Die Siegerehrung am Abend zeigte dann mal wie der, wie ein Traum zur Realität werden kann und die Realität zur Erinnerung: Verklärung! Auch die Sie gerehrung ist in Kitzbühel größer, die Fahrer stehen auf dem Balkon eines erleuchteten Hauses, von dort schauen sie in die Nacht, auf eine berauschte Men- ge. 20. 000 waren da, die Österreicher schwenkten Fahnen und brannten Fackeln ab. Ihre Fahrer waren Vierter (Vincent Kriechmayr) und Dritter (Hannes Reichelt), oder, nach Österreichs Maßstäben: nicht Erster.

 

Hymne und Feuerwerk

 

Beat Feuz, der Zweite, packte Dreßens Hand, dann zog Feuz ihn auf die höchste Stelle des Podiums. Dreßen stemmte seine Trophäe in die Nacht, wie ein Fußballer, der das WM-Finale gewonnen hat. Ganz langsam. Als wolle er den Mo- ment einfrieren. Dann Hymne und Feuerwerk. „Ich habe versucht, alles aufzusaugen“, sagte Dreßen, „ich will alles im Kopf haben, wenn ich mal zurückdenke“.

  Wenn man vor etwas Unerwartetem steht, klam mert man sich erst mal ans Bewährte. „Ich fühle mich jetzt nicht unsterblich, ich fühle mich auch nicht anders als davor“, sagte der Sieger. Er ist noch immer derselbe Dreßen, aber einer, an dem jetzt dieses mächtige Etikett baumelt: Streif-Sieger, der erste Deutsche seit Sepp Ferstl 1979. „Oafach geil“, sagte Dre-ßen, immer wieder. Später befand er: „Kitschiger geht’s eigentlich nimmer.“

 

Wennst was machst, machst es gscheit“

 

 Thomas Dreßen ist keiner wie Hermann Maier, der sich animalisch in jede Abfahrt warf, keine Überfigur wie Felix Neureuther, der am Samstag Zaungast war („Ich hatte noch nie so eine Gänsehaut.“). Dreßen ist ein geerdeter Oberbayer, der in seiner Freizeit Motorrad fährt und mit seiner Freundin in Österreich am Traunsee wohnt, wegen der Ruhe und der guten Luft. Er lacht oft und viel, sagt „oafach geil”, wenn was oafach geil ist. Er ist einer, der motiviert ist, aber nicht überdreht, ruhig, aber nicht ängstlich. Er hat erfahren, dass das Leben manchmal größer ist als der Sport, auch wenn das eine Erfahrung war, die man nie-mandem wünscht. Sein Vater starb 2005 bei einem Seilbahnunglück in Sölden, aber Dre-ßen machte weiter, es war ja ihr gemeinsamer Traum gewesen: dass er irgendwann im Weltcup fährt. Seine Mutter blieb ein großer Rückhalt, sie sagte das, was auch der Vater gesagt hatte: „Du hast keinen Druck. Aber wennst was machst, machst es gscheit.“

  Als Dreßen Anfang 2015 in den Weltcup stieß, hatten sie beim Verband gerade neue Chefs bekommen, Mathias Berthold als Cheftrainer der Männer und Christian Schwaiger als Disziplintrainer Ab- fahrt. Zwei Österreicher, denen ihr Heimatverband ein bisschen zu groß war. Im Deutschen Skiverband konnten sie in Ruhe arbeiten; die Techniker um Neu-reuther waren stark, aber von den chronisch erfolglosen Abfahrern, sagte Sportdirektor Wolfgang Maier seinen Trainern damals, könne man in naher Zukunft nicht allzuviel erwar-ten. Einen Streif-Sieg eh nicht. Berthold und Schwaiger sahen das nicht ein.Ich möchte die Jungs in vier Jahren so weit ha ben, dass sie um Olympiamedaillen mitfahren können“, sagte Berthold, das klang so unglaublich, dass es fast den Tatbestand der Rebellion er-füllte. Na und? „In diesem Sport hast du immer eine Chance“, sagt Schwaiger, er lebt das seinen Fahrern täglich vor. Das kannten sie so nicht.

 

Den riskanten Fahrstil abgewöhnt

 

  Auch Schwaigers Theorie der Abfahrt war für sie ungewohnt: Bevor man schnell und mu-tig geradeaus fahren dürfe, lehrt er, müsse man erst mal einen guten Riesenslalom-Schwung beherrschen (den seine Fahrer nur bedingt fuhren). Aus dieser Kurvenfertigkeit erwachse alles Weitere: Vertrauen ins eigene Können, Lust am Risiko. Dreßens Ausbildung wurde zum Fallbeispiel. Schwaiger gewöhnte ihm erst den riskanten Fahrstil ab, verordnete ihm viel Krafttraining, aber nicht zu viel, schulte die Skitechnik, führte ihn wieder ans Risiko heran. Heute findet Dreßen, 1,88 Meter, 100 Kilo, auf den Eis-autobahnen fast immer eine Lösung, und wenn die erste nicht funktioniert, hat er instinktiv eine zweite parat. Oder eine dritte. Das können nur wenige, etwa der Schneestreichler Feuz.

  Als Dreßen im vergangenen November Dritter in Beaver Creek wurde - der erste Podest-

platz der Abfahrer unter Berthold - war das so, als habe er nach vielen kleinen Schritten die Mauer zur Weltspitze eingerissen. Dreßens Teamkollege Ferstl gewann bald den Super-G in Gröden, und am Samstag ging fast unter, dass Andreas Sander, der Konstanteste der vergangenen Winter, erst in der Traverse einen Podestplatz vergab und Sechster wurde.

 

Keiner, der sich selber überholt

 

  Dreßen ist keiner mehr, der sich selbst überholt, die Trainer ließen ihn auch in Kitzbühel ein paar Kurven bewusst nicht am Limit fahren. „Wir wollen nicht, dass Thomas an die hundert Prozent rangeht“, sagte Berthold, „er ist noch jung“. Das war die vielleicht erstaun-lichste Facette dieser Geschichte: Dass da einer bereits im zweiten Versuch die Streif ge-winnt und mit gedrosseltem Motor fährt. Anderseits: Die PS, die ihm zur Verfügung stehen, nutzt er halt so gut wie kaum ein anderer, Dreßen lerne schnell, sagte Berthold, ihn erinne-re das an Matthias Mayer. Mayer wurde 2014 Olympiasieger, er war 23, Trainer der Öster-reicher damals: Berthold. Ob Dreßen für Olympia im Februar nun ähnlich favorisiert sei? Nun, die Strecke sei eine andere, sagte Bert- hold. Aber wegdiskutieren könne man die Favoritenrolle auch nicht. Christian Schwaiger, ihr ruhiger und hochseriöser Abfahrts-trainer, erzählten sie im DSV am Sonntagmorgen, sei nach den Feierlichkeiten übrigens erst mal nicht auffindbar gewesen.

  Wer einen Streif-Sieger aufgebaut hat, wirft Ballast ab. Die Sprüche der Kollegen, als Schwaiger die Abfahrer übernahm. Den Frust, als Neureuther und Stefan Luitz zu Beginn des Winters die Kreuzbänder rissen. Die tödlichen Stürze der Abfahrer David Poisson und Max Burkhart, 17. Ein Sieg auf der Streif taucht alles, was war und was noch kommt, in ein anderes Licht, wer könnte das besser wissen als Sepp Ferstl, Vater von Gröden-Sieger Josef Ferstl und Dreßens Vorgänger? „Kitzbühel ist das Höchste“, sagte Ferstl am Samstag im Ziel, schwarze Mütze, grauer Bart. Er ist fast jedes Jahr hier, wer Kitzbühel gewonnen hat, wird immer wieder eingela- den, er wird Teil eines Freilichtmuseums. „Nach zehn Jah-ren erinnert sich fast niemand mehr an WM-Medaillen, aber an den Streif-Sieger erinnern sich die Leute“, sagt Ferstl. Und der Skisport braucht deutsche Sieger, der deutsche Markt ist reich an Sponsoren und TV-Quoten. „Dass ein Deutscher mal wieder Kitzbühel gewinnt“, sagte der Österreicher Hannes Reichelt, „ist unglaublich wichtig für unseren Sport“.

  Dreßen wurde nach der Ruhe und dem Lärm gefragt, wie er sich am Start vorbereitet habe. Mit Heavy-Metal-Musik, er möge ja ACDC? Nein, sagte Dreßen, „vor dem Start bin ich eher ein ruhiger Typ“.

  Zu seinem Wochenende passte eher Jimmy Cliff, man muss es wohl so kitschig sagen: „You can get it if you really want“, sang Cliff, „you must try, try and try. You’ll succeed at last.“

1. Preis 2017/18

Sieger, zum Verlieren verdammt

Hungerkünstler reiten muskelbepackte Vollblüter auf der Galopprennbahn München Riem. FOTO: Marc Rühl

VON JESKO ZU DOHNA

Jedes Wochenende riskieren Jockeys auf Rennbahnen für eine Handvoll Euros ihr Leben. Hunger, Entsagung, Schmerz und schwere Stürze gehören zum Geschäft. Dennoch ist der Job für viele wie eine Sucht. Unterwegs mit einem Abhängigen.

  Seit drei Tagen hat Roy van Eck nichts mehr gegessen, seit dem frühen Morgen nichts getrunken. Adrenalin muss jetzt für die Kraft sorgen, die er braucht, um Air Attack ins Ziel zu reiten, am besten als Sieger. Der 21-jährige Niederländer tritt in weißer Hose und grün-weißem Trikot aus der Jockeystube der Galopprennbahn München-Riem und blinzelt in die Sonne. Seine Hände umklammern die Reitpeitsche, Steinchen knirschen unter seinen Sohlen.

  Es sind 30 Grad im Schatten, aber in seinem Gesicht ist keine Spur von Schweiß zu se-hen. Er presst die Lippen zusammen. Wenn er könnte, würde er jetzt spucken. „Das bringt Glück“, sagt er. „Aber da kommt einfach nichts mehr.“ Roy van Eck ist Rennreiter. Einer von 138 in Deutschland. Jedes Wochenende riskieren er und seine Kollegen auf 500 Kilo schweren Vollblütern ihr Leben, bis zu acht mal pro Renntag, vor Tausenden von Zu-schauern. Aber kaum jemand kennt sie, kaum jemand weiß etwas über ihre Welt. Über das Hungern, die Drogen, das Schwitzen und die Stürze.

  Im Galoppsport sind die Pferde die Stars, nicht die Reiter. Die begehrtesten Vollblüter werden für Millio- nen Euro gehandelt. Die Tiere sind der Stolz ihrer Besitzer, trainiert wie Hochleistungssportler, und wenn sie lange kein Rennen gewinnen, sorgt man sich in der Szene um ihren psychischen Zustand.

  Die Männer aber, die diese Pferde reiten, sind nur Randfiguren. Etwa fünf bis zehn Pro-zent der Leis- tung, so heißt es, macht der Jockey in Galopprennen aus. Er muss ein Ge-spür für sein Pferd haben, renntak- tisch gewieft sein, unter höchstem Druck richtige Ent-scheidungen fällen. Vor allem aber muss er ei- nes: leicht sein. Je leichter der Reiter, desto schneller das Pferd, lautet die einfache Rechnung. Das Resultat: Menschenquälerei.

  Drei Stunden vor dem Start. Roy van Eck sitzt auf einer Holzkiste in der Jockeystube in München-Riem. An den Haken hängen bunte Trikots aus Seide, es riecht nach Sauna. An Renntagen ist van Eck immer der Erste in der Stube. Er will nicht, dass die Besit zer sehen, wie hart er für sein Gewicht arbeiten muss.

Nackt auf die Waage: 62 Kilo

  Profi-Rennreiter — nur sie dürfen sich Jockeys nennen - sollten nicht mehr als 55 Kilo wiegen, Amateure wie van Eck nicht viel mehr als 60 Kilo auf die Waage bringen. Welches Gewicht ein Reiter genau haben darf, richtet sich nach Alter, Geschlecht und Erfolg des Pferdes. Der Reiter schließt mit dem Besitzer des Pferdes einen Vertrag über sein Gewicht. Schon 300 Gramm zu viel kosten Strafe.

  Für sein erstes Rennen heute muss es van Eck auf 62 Kilo bringen. Das bedeutet, er muss bis zum Start 800 Gramm abnehmen. Plus 500 für die Cola, die er zum Frühstück getrunken hat. „Das geht noch“, sagt er. Dann zwängt er sich in einen eng anliegenden, kunststoffbeschichteten Schwitzanzug, zieht eine Trainingshose und eine dicke Regenjacke an und läuft los: vorbei an den Wettbuden und Würstchenständen, zwischen den Tribünen hindurch auf die Rennbahn.

  Dort beschleunigt er, sprintet Richtung Startboxen. Nach einer Runde um die zwei Kilo-

meter lange Bahn läuft der Schweiß die Wangen herunter, auf der Schläfe pulsiert eine Ader. Gramm für Gramm rinnt das Wasser jetzt in den Schwitzanzug. Rund 500 Gramm bringt der Lauf. Zurück in der Jockey- stube, geht van Eck zweimal 15 Minuten lang in die Sauna. Dann stellt er sich nackt auf die Waage: 62,0 Kilo. Geschafft.

Mit 13 auf dem Rennpony

  Van Eck wollte nie etwas anderes werden als Jockey. Er wuchs in einer pferdeverrückten Familie im niederländischen Boxmeer auf. Früh wollte er wie sein Vater Frank das „Mett-wurstrennen“ gewinnen, das jährlich Tausende Besucher ins Städt- chen lockt. Mit 13 saß er auf einem Rennpony, mit 17 ritt er sein erstes echtes Rennen,mit 20 wurde ihm klar, dass es nicht zum Profi reichen würde.

  Dennoch sitzt er heute fast täglich im Sattel.Morgens fährt er von Boxmeer 80 Kilometer zu einem Rennstall in Krefeld, wo er den Stall ausmistet und trainiert.Dann geht es zurück

nach Nijmegen, wo er an der Universität Sportwis- senschaften studiert. Und am Wochen-ende durch- kreuzt er ganz Deutschland, um hungrig und ausgezehrt ein Pferd, das er kaum kennt, ins Ziel zu reiten. Meist bekommt er dafür keinen Cent.

  Wenn es gut läuft, ein paar Euro. Warum tut er sich das an? „Ich liebe die Pferde“, sagt er. „Und da ist dieses spezielle Gefühl, wenn dein Pferd mit Schaum vor dem Maul in vollem Galopp ins Ziel jagt.“ Alle Jockeys kennen diesen Kick. Für die meisten wird er zur Sucht ihres Lebens. Und wie jede Sucht hat auch diese ihren Preis.

  Das Hungern und das Schwitzen sind nur ein Teil davon. Hinzu kommen der körperliche Verschleiß und - bei Profis - die Aussicht auf ein prekäres Leben. Knapp über 1.100 Euro verdient ein mittelmäßiger Profi, der im Stall eines Trainers arbeitet und für ihn reitet. Richtig verdient wird nur auf der Renn bahn. Und auch da nur, wenn man siegt. 75 Euro Sattelgeld bekommt ein Jockey pro Rennen. Das verdoppelt sich bei einem Sieg. Plus fünf Pro- zent des Preisgelds, das in der Regel bei ein paar Tausend Euro liegt. Macht ein paar Hunderter für den Gewinner. Minus Spesen.

  Viele Jockeys haben Geldprobleme nach der Karriere, die selten länger als 20 bis 30 Jahre dau– ert. Sie werden Taxifahrer, helfen auf der Rennbahn aus. Wer genug Geld zurücklegt, kann versuchen, Trainer zu werden. So wie John Hillis - der Mann, für den van Eck an diesem Tag in München reitet.

Leben von Luft, Tee und Zigaretten

Hillis, 51, ein Ire mit markantem Gesicht und Gold kettchen, sitzt im Büro seines Renn-stalls in Riem und blickt zur Vitrine mit den Pokalen. 24 Jahre lang war er Jockey. Im Som-mer in Europa, im Winter in Mumbai oder Hongkong, wo sich die Weltspitze trifft. Zu mehr als 5000 Rennen trat er an, fuhr rund 450 Siege ein. Das war die schöne Seite des Sports. Aber Hillis kennt auch die andere, die zerstörerische: ein Leben nur von „Luft, Tee und Zigaretten“.

  Der Ablauf ist seit 200 Jahren immer der gleiche, überall auf der Welt: Am Sonntagabend nach den Rennen wird noch schnell gegessen, dann geht montagfrüh das Hungern wieder los. „Kurz vor den Rennen habe ich immer nur noch rohe Eier mit Glukose gegessen, mal eine Tasse Tee getrunken. Wasser nur, um die Vitamintablette aufzulösen“, sagt Hillis. Wenn viel Gewicht runtermusste, ging er für Stunden in die Sauna. 45 Minuten dauerte dann ein Gang, dazwischen gab es Prosecco, für den Kreislauf.

  Dem Jockey-Leben und der Rennsportwelt den Rücken zu kehren kam für Hillis trotzdem nie in Frage. 2006 gründete er seinen Rennstall. Heute betreut er 32 Pferde. Er trainiert sie im Auftrag der Besitzer, bringt sie zu den Rennen und engagiert dafür geeignete Jockeys. Reich wird er auch damit nicht, aber er kann davon leben.

Für Dubai, Ascot und Paris zu groß, zu schwer

Zu Millionären werden nur wenige Top-Jockeys, etwa der legendäre Frankie Detorri. Der Italiener fing in den 80er-Jahren als Stallbursche in Mailand an. Heute ist er der bevorzugte Jockey des katari- schen Scheichs al-Thani und startet fast nur noch bei den großen Ren-nen in Dubai, Ascot oder Paris.

  Im vergangenen Jahr wurde Detorri zum „Großen Preis von Bayern“ für Tausende Euro nach München eingeflogen. In der Jockeystube saß der 46-Jährige direkt neben van Eck. Er gab ihm ein paar Tipps, schwitzte ein wenig in der engen Sauna - und gewann natürlich das Rennen. Dann stieg er in einen Porsche und war wieder weg.

  Es war van Ecks einziger Berührungspunkt mit einer Welt, in die er es nie schaffen wird. Vom Profi-Leben, von den großen Derbys hat er sich mit sei- nen 62 Kilo längst verab-

schiedet. Dazu müsste er noch zehn Kilo abnehmen - bei 1,73 Meter Größe. Immer wieder hat er es probiert, einmal sogar ge- schafft: „Ich war so glücklich, aber dann kam ich nicht mehr aus dem Bett. Ich war zu schwach, um aufzustehen. Bevor meine Karriere begann, war sie zu Ende.“

  Noch eine Stunde bis zum Start. Es ist voll geworden in der Kabine, rund um die Waage Stimmengewirr: Italienisch, Englisch, Französisch. Einige Jo-ckeys sitzen in der Sauna. Andere polieren ihre Reitstiefel aus Kunstleder. Sie wirken wie Attrappen, so federleicht sind sie.

  Die Ausrüstung der Reiter inklusive Sattel und Helm wiegt nur 1,2 Kilo. Van Eck streift die wattierte Schutzweste über den nackten Körper und steigt barfuß und ohne Unterwäsche in Nylonhose und Stiefel. Dann geht es zum Wiegen. Zwei ältere Damen vermerken jedes Gramm.

  In den Minuten vor dem Rennen hat jeder Jockey sein Ritual. Der eine kontrolliert den Sattel, der andere sitzt aschfahl am Fenster und zieht an einer Zigarette. Unter den Mitteln, zu denen manche Jockeys greifen, um den Hunger zu unterdrücken und kurzfristig leis-tungsfähiger zu sein, ist Nikotin noch eines der harmloseren. Immer wieder werden Jo-ckeys mit Alkohol oder Resten von Amphetaminen im Blut erwischt.

  Stars wie Frankie Detorri oder der Deutsche Top-Jockey Andrasch Starke wurden positiv auf Kokain getestet und lange gesperrt. Detorri wurde 2012 für sechs Monate von allen Rennen ausgeschlossen, Starke 2002 für ein halbes Jahr gesperrt. „Das mit den Drogen ist scheiße“, sagt van Eck.

  „Aber ich weiß selbst, wie schwer es ist, wenn man heute acht Ritte in München hat und morgen acht in Krefeld. Da kann ich schon verstehen, dass manche nach etwas suchen, das das Ganze leichter macht.“

  Van Eck und Hillis sprechen ungern über dieses Thema. Sie selbst seien nie in Versu-chung geraten, beteuern sie. Hillis erklärt sich die Fehltritte der anderen so: „Du kommst auf Partys mit Multimillionären, viele junge Leute, da kommst du rein, dann tust du es, und dann wirst du erwischt.“

  Vor allem an Renntagen treffen Menschen und Klassen aufeinander, die sonst wenig mit-

einander zu tun haben. Auf der einen Seite Jockeys wie van Eck. Auf der anderen Seite die Besitzer der Pferde: gehobenes Bürgertum, Unternehmer, Adlige, Fußballprofis, millionen-

schwere Investmentbanker.

  Erfolgreichen Jockeys winkt der Einlass in diese Glitzerwelt. Dann ist die Versuchung groß, alles für den nächsten Sieg zu tun. Doch ist man erst einmal drin, werden die Ver-suchungen nicht kleiner.

Was bei 70 km/h passieren kann

  Die Jockeys galoppieren über die Grasbahn zum Start, wo die Pferde in die Startboxen geschoben werden. Eines der Tiere steigt vor Nervosität, der Reiter hält sich gerade noch im Sattel. Kurze Zeit später öffnen sich die Gitter mit einem Knall. Kraft- voll katapultieren sich die 13 Pferde aus den Boxen. Eine Glocke läutet: Wettschluss, nichts geht mehr.

Im Führring. FOTO: Marc RÜHL.

  Auf der Rennbahn in Riem führen Stallburschen die Pferde zum Führring, wo sie den Zu-schauern vorgestellt werden. Verschwitzte Zocker prüfen mit einem letzten Blick ihre Chan-

cen, notieren sich ihren Geheimtipp. In der Mitte des Führrings, unter mächtigen Eichen, redet Hillis auf van Eck ein: letzte Instruktio- nen, aufbauende Worte. Van Eck spürt, wie das Adrenalin in ihm aufsteigt. „Hals und Bein!“, sagt Hillis. Van Eck lässt sich in den Sattel heben.

  Die Jockeys galoppieren über die Grasbahn zum Start, wo die Pferde in die Startboxen geschoben werden. Eines der Tiere steigt vor Nervosität, der Reiter hält sich gerade noch im Sattel. Kurze Zeit später öffnen sich die Gitter mit einem Knall. Kraft- voll katapultieren sich die 13 Pferde aus den Boxen. Eine Glocke läutet: Wettschluss, nichts geht mehr.

  Air Attack und van Eck sind die Favoriten, 41 Euro sind für zehn Euro Einsatz bei der Siegwette zu gewinnen. Air Attack galoppiert schnell an und geht an zweiter Position hinter Tom Tom Chap in den Schlussbogen. Van Eck wird energischer, die Hände an den Zügeln, arbeitet er wild mit den Armen. Als die Pferde auf die Zielgerade einbiegen, steht er in den kurzen Bügeln, den Pferderücken zwischen den Fußknöcheln. Es sieht gut aus. Sehr gut.

Aber van Eck und Hillis wissen, dass jetzt, bei Ge- schwindigkeiten von 70 km/h, passieren kann. Rückblende: 2. Juli 1994, der Tag vor dem 125. Deutschen Derby in Hamburg-Horn. Im Rennen um den Coca-Cola-Preis biegt Ron Hillis, Johns kleiner Bruder, auf dem Ga-lopper Cambio in die lange Ge- rade ein. Plötzlich läuft die Stute Curly vor ihm einem an-deren Pferd in die Beine.

  Ron stürzt mit Cambio über Curly, schlägt mit dem Kopf auf dem Boden auf. Sein Helm zerbricht. Der Rennarzt eilt herbei, rammt Ron einen Kugelschrei-ber in die Luftröhre, presst Luft in die kollabierten Lungenflügel, belebt ihn wieder. Mit schweren Kopfverletzun-

gen wird Ron in eine Klinik geflogen, schwebt in Lebensgefahr, liegt 20 Tage im Koma. Als er erwacht, kann er nur noch eingeschränkt se- hen - etwa so, als trage er Scheuklappen.

Er muss seine Karriere beenden. John Hillis reitet trotzdem weiter, auch für den Bruder. „Die Angst darf dich nicht beeinflussen“, sagt er, „gerade dann passieren die schlimmsten Fehler.“

Am Ende der Geraden kommen die Pferde den Tribünen immer näher. Getrappel, Zuschauerge-schrei und der Kommentator aus dem Lautsprecher: Alles vermischt sich immer lauter. Van Eck gibt Air Attack die Peitsche, einmal, zweimal.

Doch der siebenjährige Wallach wird langsamer. Vier Pferde fliegen an ihm vorbei. Party Freak gewinnt sicher. Air Attack wird Sechster.

Red Bull uns billiger Sekt

  In der Jockeystube wankt van Eck zum Kühlschrank. Im nächsten Rennen darf er 500 Gramm mehr wiegen. Er stürzt zwei Red Bull hinunter, schnappt nach Luft. Sein Kreislauf macht Probleme, die Beinmuskeln verkrampfen. Im Rennen fühlt er keinen Schmerz, keine Erschöpfung, doch jetzt, da das Adrenalin weg ist, kann er sich kaum noch auf den Beinen halten. Es kommt vor, dass Jockeys im Ausgalopp ohnmächtig vom Pferd fallen.

  Auch in seinem zweiten Rennen an diesem Tag, diesmal mit der Stute Pats Patricia, wird van Eck Sechster. Der Präsident des Rennvereins überreicht ihm eine rosa Flasche billigen Cava, sein Trostpreis. Van Eck ist trotzdem gut gelaunt. Als Amateuer ist er es gewohnt, nichts für seine Ritte zu bekom-

men.

  Heute hatte er immerhin mal die Chance, ein paar Euro zu gewinnen. Hillis lässt ihn ab und zu an Profi-Rennen wie dem heutigen teilnehmen. Bei einem Sieg van Ecks hätte der Trainer ihm fünf Prozent von der Prämie abgegeben. Warum Hillis das tut? „Weil der Junge talentiert ist.“ Und weil Hillis weiß, dass Männer wie van Eck immer seltener werden im Galoppsport.

Rennvereine gehen pleite

  Kaum einer will noch Jockey werden. Zu hart, zu unsicher ist der Job. Zudem bietet der Galoppsport kaum noch eine Perspektive. Vor 30 Jahren gab es in Riem 26 Renntage pro Saison, heute sind es ge- rade mal acht. Rund 500 Pferde standen damals in den Riemer Stallungen, heute sind es noch 150. Auch bundesweit gibt es weniger Rennen, die Zu- schauer fehlen, Rennvereine gehen pleite. Der Sport steckt in der größten Krise seit dem Bau der ersten Rennbahnen in Deutschland vor über 150 Jahren.

  Van Eck will trotz des Niedergangs so lange weiter reiten, wie es geht: „Es ist die Liebe meines Lebens, ich kann nicht ohne“, sagt er. Die ganze Schufterei habe auch ihr Gutes. „Je härter es ist, desto wert- voller sind die Erfolge.“

Endlich essen

  Als er am Abend Sattel und Schwitzanzug in seinem Rollköfferchen verstaut hat und die Jockeystube verlässt, steht ihm noch eine 700 Kilometer lange Heimreise bevor. Aber auch die schönsten Stunden der Woche: Endlich darf er essen. Früher hat er in solchen Momen-

ten gierig in sich hineingeschlungen, konnte dann nicht schlafen, hatte Schmerzen. Jetzt ist er vorsichtiger. Er schlingt jetzt in Etappen. Schließlich will er morgen fit sein. Da geht er in Nijmwegen wieder zur Uni, wo er als Sportstudent auch Nachwuchs-Athleten berät.

  Sein Thema: gesunde Ernährung.

Die Preisverleihung 2017

Vorne, v. l.: Florian Auburger (2.). Benedikt Warmbrunn (1.), Christoph Fuchs (Stipendiat). Hinten, v. l.: Wolfgang Uhrig (Jury), Thomas Walz (1. Vorsitzender VMS), Bürgermeisterin Christine Strobl (Jury), Hans Eiberle (Vorsitzender Jury), Michael Gernandt (Jury), Heinrich Lemer (Ressortleiter Sport Münchner Merkur). Es fehlt: Sebastian Fischer (3.).

FOTO: MARTIN HANGEN

Die Preisverleihung 2016

Von links: Thomas Walz (1. Vorsitzender VMS), Wolfgang Uhrig (Jury), Michael Gernandt (Jury), Bürgermeisterin Christine Strobl (Jury), Hans Eiberle (Vorsitz Jury), Johannes Kirchmeier (3. Preis), Benedikt Warmbrunn (1. Preis), Christopher Gerards (Stipendiat), Johannes Keller (Vertreter von Korbinian Eisenberger (2. Preis).

                                                                                  FOTO: ALEXANDER HASSENSTEIN

Die Preisverleihung 2015

Von links: Paul Sahner (Jury), verstorben im Mai 2015, Hans Eiberle (Vorsitz Jury), Katja Kraft (2.), Thomas Walz (1. Vorsitzender VMS), Johannes Kirchmeier (Stipendiat), Ronald Reng (Jury), Bürgermeisterin Christine Strobl (Jury), Benedikt Warmbrunn (1.), Sebastian Fischer (2.).

Die Preisverleihung 2014

Im Münchner Ratskeller überreichten Bürgermeisterin Christine Strobl und VMS- Vor-

sitzender Hans Eiberle Urkunden und Preisgelder an Sieger und Platzierte beim Helmut-Stegmann-Nachwuchsförderpreis und an die Stipendiatinnen des Vereins Münchner Sportjournalisten. 

V.l.: Michael Gernandt (Jury), Martin Schneider (2. Platz), Benedikt Warmbrunn (3. Platz), Phillip Woldin (1. Platz), Ronald Reng (verdeckt, Jury), Anna Dreher, Marieke Reimann (Stipendiatinnen), Eva Thöne (1. Platz), Paul Sahner (Jury), Wolfgang Uhrig (Jury), Hans Eiberle (1. Vorsitzender VMS), Bürgermeisterin Christine Strobl (Jury), Patrick Wehner (3. Platz).                                                                                             Foto: Maria Mühlberger

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Aktuelles

Der neue Juppsletter: DING, DANG, DONG

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VMS INFO 2022
Das Jahresheft des Vereins Münchner Sportjournalisten
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Ansichtssache

Gedenktage

Geburtstage

Gerhard M. Gmelch

Sportjournalist statt Jurist

Peter Bizer 80

"Mit Sparwasser gekocht"

Vinko Bicanic 60

Durch seine Augen

Oskar Brunnthaler 75

Zwei Knie-OPs gleichzeitig

Maria Mühlberger 85

Die Kamera mit dem

Golfschläger getauscht

Edgar Endres 60

BR-Hörfunkreporter

statt Papstnachfolger

2 x 60

Thomas + Joachim Walz

Neue Bücher                           

Besprechungen

Von Wolfgang Uhrig

Der eigentliche Text ist Pause

Ratgeber für Redner:

Ein Leitfaden von

Diethelm Straube

304 Seiten, gebunden mi Schutzumschlag,

ISBN 978-3-426-27886-4,

20,00 Euro / E-book 14,99 Euro.

Droemer-Verlag,

www.droemer-knaur.de

Die Süddeutsche Zeitung schrieb, Hartmut Scherzer sei „der verrück-teste deutsche Sportreporter“. Er berichtete über 15 Fußball-Weltmei-sterschaften, 21 Olympische Spiele und 33-mal von der Tour de France. Und hat alle großen Boxkämpfe live gesehen; „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa, wo George Forman von Muhammad Ali eine Tracht Prügel bezog, und den „Thrilla in Manila“, als Joe Frazier von Ali vermöbelt wurde.

Ein ereignisreiches Reporterleben – kein Wunder, dass Scherzer 735 Seiten benötigte, um unter dem Titel „Welt Sport“ aus 50 Jahren Sportgeschichte aufzuschreiben, was ihm wichtig ist. Legendäre Boxkämpfe natürlich - er war als Student zweimal deutscher Hochschulmeister und trainiert auch mit 83 Jahren noch den Faustkampf.

Aber Hartmut Scherzer will auch vermitteln, dass der Sport jenseits seiner Grenzen etwas bewegen kann, weil allem mit allem zusam-menhängt: Mit Rassismus, Terror, Black Power, siehe Muhammad Alis Protest gegen den Vietnamkrieg. Mit Doping und Hooligans. Ich sehe ihn noch, wie er sich vor dem Länder-spiel gegen die Niederlande in Rotterdam mit blutiger Glatze vor dem Mob in einen Juwelierladen rettete, in den wir Reporter geflüchtet waren. Hinter ihm fiel das Türgitter.

Dreieinhalb Jahre hat Scherzer ge-schrieben und Fotos sortiert („ich bin ein Sammler“). Entstanden ist ein prall gefülltes Zeitdokument eines Sportreporters, wie es ihn in der neuen digitalen Welt vermutlich bald nicht mehr geben wird. H.E.

 

Societäts-Verlag. 736 Seiten, ISBN 978-3-95542-384-1. Format Hardcover, 25 Euro

Nur eines unterscheidet Fotios, Marius und Niko von ihren Freunden in der nordbayerischen Provinz: Sie spielen alle drei un-widerstehlich gut Fußball. Noch bevor sie 14 werden, nehmen die Profiklubs 1. FC Nürnberg und Greuther Fürth sie in ihre Lei-stungszentren auf. Von da an führen ihre Leben in neue, un-

vermutete Richtungen.

  Ein Buch über drei fantastische Jungs, die dribbeln wie Messi und von großen Karrieren träumen.

  Ronald Reng hat die drei be-gleitet, hat neun Jahre lang Dra-matik und Glück, Einsichten und schwere Entscheidungen miter-

lebt, das Scheitern und Gelingen eines großen Traums. (Verlagstext, Bespechung folgt).

13,8 x 22,0 cm / ca. 432 S.

Hardcover mit Schutzumschlag

22,- Euro

ISBN 978-3-492-07099-7

Anno dazumal

Als Gerd Müller zurücktrat        Als Beckenbauer nachtrat

Wenn Ronny mit                         dem Kopf abstaubt

Fußballsprache oder ganz schlechtes Deutsch?

 

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