Im Gedenken an Helmut Stegmann, seinen 1997 verstorbenen Vor-
sitzenden von 1973-1989, verleiht der Verein Münchner Sportjour-
nalisten (VMS) seit 2001 jährlich den Helmut-Stegmann-Nach-
wuchs-Förderpreis für regionale und lokale Sportberichterstattung.
Helmut Stegmann (1938-1997) war Teilnehmer an der ersten Lehr-
redaktion der Deutschen Journalistenschule (DJS), an der er später 25 Jahre lang lehrte. Nach sieben Jahren als Sportredakteur beim Münchner Merkur wechselte er 1968 als Sportchef zur tz. 1973 wurde Stegmann zum Chefredakteur berufen.
Bei Helmut Stegmann zählte vor allem, wie einer war und nicht, was einer war. Er war nicht nur von Statur (2,01 m) ein großer Mann. Seine unbedingte Verlässlichkeit, Fainess und Menschlichkeit bleiben sein Vermächtnis.
Helmut-Stegmann-Nachwuch-Förderpreis 2025/26
für regionale und lokale Sportberichterstattung
Der Verein Münchner Sportjournalisten (VMS) schreibt zum 25. Mal den Helmut-Stegmann-Nachwuchs-Förderpreis für regionale und lokale Sport-berichterstattung aus.
Teilnahmeberechtigt sind Journalistinnen und Journalisten (VMS/VDS-Mitglieder und Nichtmitglieder) der Geburtsjahrgänge 1993 und jünger, die im VMS-Einzugsgebiet (Oberbayern, Niederbayern) tätig sind oder es bis einschlieißlich 2025 waren sowie Studierende, Schüler und Schülerinnen, die als freie Mitarbeiter schreiben.. Die Beiträge müssen sich mit Themen aus diesem Bereich befassen.
Die Texte müssen in Printmedien oder Online veröffentlicht sein. Sie sollen nicht mehr als 8.500 Zeichen umfassen.
Dotierung: 4.000 Euro (1. Preis 2.000 Euro, 2. Preis 1.250 Euro, 3. Preis 750 Euro).
Einsendungen (6-facher Ausdruck + Originalbeleg/Kopie) oder online an
Verein Münchner Sportjournalisten
Hans Eiberle
Agnes-Miegel-Str. 37
81927 München
T 089 9294033
hanseiberle@aol.com
Einsendeschluss ist Montag, 19. Januar 2026 (Poststempel).
Es können bis zu 2 Texte eingereicht werden.
Linke Spalte, pdf-Dateien Jahresheft und Stegmann-Preis, Texte
Stephan Kruip ist nicht nur Patentprüfer und Ethikrat-Mitglied, sondern auch Mukoviszidose-Patient. Trotz seiner unheilbaren Krankheit ist der Zornedinger am Sonntag seinen vierten Marathon gelaufen. Wie schafft der 56-Jährige das?
VON JOHANNA FECKL
B Bei Kilometer 39 hat Stephan Kruip den kleinen Anstieg, der die Elisabethstraße hinauf in Richtung Ackermannbogen zeichnet, fast geschafft. Hier ist der höchste Punkt der Strecke, 528 Meter über dem Meeresspiegel, Start- und Zielpunkt im Olympiastadion liegen bei knapp 508 Höhenmeter. Die vergangenen gut drei Stunden und 45 Minuten, die er beim diesjährigen Münchner Marathon am Sonntag joggte, sieht man ihm an: der Blick konzentriert, die Atmung erschwert, die Mimik angestrengt. Und dennoch lacht er, als ihn zwei Männer an der Ecke Schleißheimer Straße anfeuern. Noch knapp drei Kilometer liegen vor Kruip, dann hat der 56-Jährige seinen vierten Marathon bewältigt. Das ist an sich bereits eine Leistung, die Freizeitjogger recht klein fühlen lässt. Der Zornedinger aber schafft all dies trotz Mukoviszidose — eine Erkrankung, die unter anderem seine Lunge stark beeinträchtigt und ihn zum Diabetiker gemacht hat.
Drei Stunden später öffnet Stephan Kruip seine Haustüre in Zorneding und bittet hinein. Dunkler Pulli, dunkle Jeans, dunkle Birkenstock an den Füßen. Die Anstrengung des Laufs scheint wie weggeblasen, „Das Gehen funktioniert eigentlich sehr gut“, sagt er und lacht. Seine gute Laune verwundert nicht, schließlich hat er sein per
persönliches Ziel erreicht: den Marathon in weniger als vier Stunden. Seine Zeit: Drei Stunden, 59 Minuten, 50 Sekunden.
Neben seiner Leidenschaft fürs Laufen und seiner Mukoviszidose-Erkrankung ist Kruip verheiratet, Vater von drei erwachsenen Söhnen, Patentprüfer beim Europäischen Patentamt München, seit 2014 Vorsitzender des Vereins Mukoviszidose, seit 2016 Mitglied im Deutschen Ethikrat, seit 2019 Träger des Bundesverdienstkreuzes, außerdem sausen wenig später auch noch zwei Hunde durch sein Wohnzimmer. Ganz schön viel. Wie bekommt der 56-Jährige das alles unter einen Hut?
Seit der Kindheit auf Effizienz trainiert
„Seit meiner Kindheit bin ich auf Effizienz trainiert“, sagt er. Grund ist seine Erkrankung: Mehrmals am Tag eine aufwendige Atemtherapie, lange Zeit gehörte eine sogenannte Klopfdrainage zu Kruips Alltag. Dabei löst Klopfen auf den Brustkorb den Schleim in der Lunge, sodass er abgehustet werden kann. Regelmäßiges Inhalieren zählte ebenso zum Programm, genau wie Antibiotika-Einnahmen und strenge Hygieneregeln — akribisches Händewaschen, kein Händeschütteln und Masken kennt der 56-Jährige nicht erst seit Corona. Zwei bis drei Stunden nahmen diese Prozeduren in Anspruch. Jeden Tag. Wer da sein Zeitmanagement nicht optimiert, hat ein Problem.
„Mukoviszidose ist eigentlich ein Vollzeitjob“, sagt Reiner Heske. Er sitzt neben Kruip an dem langen Esstisch im Wohnzimmer. Der 51-Jährige muss es wissen, denn auch er ist Betroffener, er und Kruip kennen sich aus dem Mukoviszidose-Verein. Bei dem Marathon in München wenige Stunden zuvor sind die zwei Männer zusammen gestartet, genau wie vor drei Jahren, damals aber in Köln — Heske lebt in Nordrhein-Westfalen. Wer die Geschichte der beiden vergleicht, der versteht die enorme Bandbreite der Krankheit.
Als 15-Jähriger hatte Heske ein Lungenvolumen von 50 Prozent. Mit 26 musste er wegen seines Gesundheitszustands in Rente gehen. Er schaffte seinen 30. Geburtstag, auch seinen 40. Aber es ging ihm zunehmend schlechter: Mit 44 betrug sein Lungenvolumen 20 bis 30 Prozent. Er wurde an der Bauchspeicheldrüse operiert, es folgten sechs Wochen Intensiv. Zwei Lungenentzündungen gaben ihm dann den Rest. Von da an hing er 24 Stunden am Tag an einem Sauerstoffgerät. Er wog 47 Kilo.
„Mir wurden acht tolle Jahre geschenkt“
„Ich hatte nichts mehr zu verlieren“, sagt Heske heute. 2013 ließ er sich auf die Transplantationsliste setzen. Wenig später bekam er eine Spenderlunge. Acht Jahre liegt das nun zurück. Dass sein Körper das neue Organ abstoßen wird, ist sicher. Nur weiß niemand, wann es so weit ist. Laut Medizinischer Uni Hannover, Europas größtem Lungentransplantationszentrum, überleben 50 Prozent der Patienten die ersten zehn Jahre nach dem Eingriff.
2015 lief Heske seinen ersten Halbmarathon, 2017 den ersten Marathon. Seitdem organisiert er regelmäßig Spendenläufe, deren Erlöse unter anderem dem Mukoviszidose-Verein zu Gute kommen, außerdem engagiert er sich im Bereich der Organspende. „Mir wurden dadurch bislang acht tolle Jahre geschenkt“, sagt er, „und dafür bin ich unglaublich dankbar.“
Stephan Kruip (r.) und Sohn Jonas im Münchner Olympiastadion im Ziel des Marathon-laufs. FOTO: REINER HESKE
Während Heskes Krankheitsverlauf eine Lungentransplantation erforderlich machte, habe er selbst viel Glück gehabt, so formuliert es Kruip. Marathon-Laufen funktioniert bei ihm schließlich auch mit seiner Mukoviszidose-Lunge.
Als neue Forschungsergebnisse um die Jahrtausendwende bewiesen, dass Sport zur Verflüssigung der Lungenoberfläche beiträgt und somit förderlich für Betroffene ist, begann Kruip mit Treppensteigen — bis dahin galt: schonen wo es geht. Ein „Guten Morgen“ war unmöglich, wenn er oben angekommen war. 2007 wagte er sich ans Laufen. „Nach 200 Metern war da Schluss!“ Wieder lacht Kruip. Neun Jahre später kam dann sein erster Marathon: vier Stunden und 27 Minuten.
Gemeinsam mit dem jüngsten Sohn im Ziel
Dieses Mal war der Marathon nicht nur besonders, weil er zum ersten Mal die Vier-Stunden-Marke geknackt hat, sondern auch, weil sein jüngster Sohn mit ihm gemeinsam im Ziel eingelaufen ist — zumindest fast, zwei Sekunden war der 20-jährige Jonas schneller. Als der erste Corona-Lockdown 2020 den 56-Jährigen ins Home-Office verbannte, teilten sich die beiden fortan ein Zimmer, der Vater zum Arbeiten, der Sohn zum Studieren.
Damals schrieb Kruip einen Zettel für seine Familie: in welches Krankenhaus er will, was seine Frau für eine Witwenrente zu erledigen hat, wo seine Patientenverfügung aufbewahrt ist — zu dieser Anfangszeit hat der Zornedinger nur noch zum Sport das Haus verlassen, um Einkäufe kümmerten sich die Söhne.
„Es hieß, Lungenkrankheiten und Diabetes stellen ein enormes Risiko dar“, so Kruip. „Ich war mir sicher, dass es das dann bald gewesen sein wird.“ Mittlerweile zeigen Daten, dass Mukoviszidose-Patienten im Vergleich zu Gesunden zwar mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bei Corona im Krankenhaus landen, aber nicht häufiger als der Durchschnitt sterben. Und durch die Impfung ist auch dieses Risiko auf ein Minimum geschrumpft.
Ein großer Zugewinn an Lebensqualität
Anders sieht das bei Reiner Heske aus: Durch die Transplantation ist sein Immunsystem so herabgesetzt, dass sein Körper trotz zweifacher Impfung keine Antikörper aufbauen konnte. Eine Infektion wäre für ihn lebensgefährlich. Deshalb ist er die ersten Kilometer des Marathons auch mit Mundschutz gelaufen — zu stark sei ihm das Getümmel gewesen.
„Uns Organtransplantierte können nur diejenigen schützen, die sich impfen lassen.“ Seit diesem Frühjahr nimmt Kruip ein neues Mukoviszidose-Medikament, das seinen Flüssigkeitshaushalt fast normalisiert. Vorhandene Organschäden kann das Mittel zwar nicht reparieren, aber es kommen keine neuen hinzu.
Die zeitintensiven täglichen Therapien fallen nun weitestgehend weg — ein großer Zugewinn an Lebensqualität für den Zornedinger und viele Betroffene weltweit. Etwa 20 Prozent von ihnen haben jedoch eine Genmutation, bei der das Medikament nicht wirkt.
Unterdessen startete die neue Bürogemeinschaft aus Vater und Sohn Kruip gemeinsam ins Lauftraining, einfach so. Nachdem Jonas Kruip in diesem Sommer seinen ersten Halbmarathon gemeistert hat, ließ sich Stephan Kruip nicht lange von ihm bitten, zusammen den München Marathon zu laufen.
„Das war wirklich etwas sehr besonderes.“ Er lacht.
Fußballstadion. Melinda gehört zu den wenigen in Deutschland, die das Glück haben, ihre Mannschaft spielen zu sehen: aus ihrer Wohnung in Giesing.
VON MAX FERSTL
Melinda öffnet das Fenster, jetzt kann sie das Stadion hören. Dieses dumpfe Plopp, wenn ein Spieler gegen den Ball tritt. Sie legt eine blaue Filzdecke auf das Fensterbrett, dazu zwei Schals. Laut der Hausordnung sind Fahnen verboten, sagt Melinda, „von Schals und Decken steht da aber nichts“.
Melinda beugt sich aus dem Fenster, dreht den Kopf nach rechts, dahinten kann sie die Spieler im Grünwalder Stadion sehen, weiß die Sechziger, rot die Bayern, in schwarz derLöwen-Trainer Michael Köllner. Und da drüben, in der Westkurve, direkt unter der Anzeigetafel: ihr Platz, wo sie immer mit den Freunden stand, dicht an dicht, singend und jubelnd und zitternd. Lange her.
Seit mehr als einem Jahr sind die Fußballstadien fast leer. Man hat sich an den trostlosen Anblick gewöhnt, an die betonierte Leere. Rein darf nur, wer für den Spielbetrieb unbedingt benötigt wird, Spieler, Betreuer, ein paar Ordner und Journalisten. Zuschauer hingegen müssen draußen bleiben, und sich die Spiele im Fernsehen anschauen. Außer sie haben so viel Glück wie Melinda.
„Wenn es bei den Löwen um etwas geht, vergeigen sie es oft.“
Sie wohnt in einem Haus hinter der Ostkurve des Grünwalder Stadions, vierter Stock, also hoch genug, dass sie über die Stadionwand gucken kann. Weil oft Leute klingeln, die mitschauen wollen, will sie lieber nur mit Vornamen in der Zeitung stehen. Unten am Spielfeld nehmen am Sonntagnachmittag die Spieler ihre Positionen ein, feuern sich an. Näher als Melinda können Fußballfans in Deutschland ihrer Mannschaft derzeit nicht kommen. "Ich feiere das jedes Mal wieder", sagt sie, die Ellenbogen auf die Löwen-Decke gestützt, die braunen Haare flattern im Wind.
Dann beginnt das Spiel. 1860 München gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern München, ein Derby am vorletzten Spieltag der Saison. Die Löwen sind Tabellenvierter und seit zehn Spielen ungeschlagen. Die Bayern sind Drittletzter. Gerade deshalb ist Melinda nervös: „Wenn es bei den Löwen um etwas geht, vergeigen sie es oft.“ Und für Sechzger geht es um den Aufstieg in die zweite Liga, also um sehr viel.
Wer am Fenster steht, braucht einen geübten Blick, um die Spieler zu erkennen. Leicht ist es eigentlich nur beim Löwen-Stürmer Sascha Mölders, der auch aus der Ferne wuchtiger aussieht als alle anderen. Melinda sieht nur gut zwei Drittel des Spielfeldes: das Tor auf der Westseite, beide Trainerbänke, den Mittelkreis. Sind die Spieler auf der Ostseite des Stadions unterwegs, also nahe bei ihrem Fenster, verdeckt die Stadionwand die Sicht. Dann kneift sie die Augen zusammen und beobachtet die Trainer auf der Trainerbank, wie sie gucken, ob sie jubeln oder toben, wie es also läuft, da unten auf dem Rasen.
Zunächst läuft es eher schlecht. Die Bayern gehen früh in Führung, was Melinda nicht sieht, weil das Tor auf der für sie verdeckten Seite fällt. Sie sieht nur jubelnde Rote. „Ich hab's doch gesagt“, sagt sie und dreht sich um. Im Wohnzimmer läuft das Spiel im Livestream — allerdings mit einer Minute Verzögerung, weil auch das Internet nicht in Bestform ist.
Zehn Euro für den Blick aus dem Fenster
Als Melinda im Januar vor zwei Jahren einzog, war das mit dem Fenster eigentlich ein Witz. Stellt euch das mal vor, sagte sie, wenn wir mal ein Geisterspiel haben, dann können wir trotzdem zuschauen. Sie dachte dabei an ein oder zwei Spiele, als Strafe, wenn Anhänger Feuerwerkskörper im Stadion zünden. Dass sie mal eine ganze Saison vom Fensterbrett aus verfolgen würde, erschien ihr einigermaßen abwegig.
In der Pandemie ist ihr Wohnzimmer mit den Fenstern plötzlich begehrt. Als es einmal an der Tür klingelte und Melinda dachte, ihr Mann komme nach Hause, öffnete sie und ging ins Bad — es war dann aber nicht der Mann, der die Treppe hochkam, sondern Fans. Vorhin erst fragten zwei Jungs, Spezi in der Hand, ob denn noch ein Platz frei wäre. In einer anderen Wohnung, von der man auch das Spielfeld sieht, zahlen Löwen-Fans der Mieterin jeweils zehn Euro, damit sie an den Spieltagen für zwei Stunden ans Fenster dürfen. „Es ist einfach etwas anderes, ein Spiel in echt zu sehen“, sagt Melinda.
In der 41. Minute wieder ein Pfiff. Elfmeter für die Löwen. Melinda mag keine Elfmeter, das sei zu aufregend. Sie sieht, wie der breite Mölders — den sie „Bierbauchsascha“ nennt, was als Ausdruck höchsten Respekts gemeint ist — anläuft und flach links unten trifft. Woraufhin Melinda den Löwenschal durch die Luft kreisen lässt, wie ein Windrad.
Sie greift dann schnell zum Telefon und ruft „die Jungs“ an. Wenn sie schon nicht zusammen in der Kurve stehen können, dann wollen sie wenigstens bei den Toren gemeinsam jubeln. Auf ihrem Handy tauchen vier kleine Bildschirme auf, man sieht Gesichter, Bärte, geballte Fäuste. „Das war wichtig“, sagt Melinda.
Sie weiß nicht genau, wie lange sie schon Sechzgerfan ist. Sie ist 29, irgendwie sei sie so reingewachsen. Ihr Vater hat sie früh mit ins Stadion genommen, und sie ist dabeigeblieben. Irgendwann waren sie eine Gruppe, „die Jungs“ und sie. Sie nennen sich die Cabriolöwen, weil Melinda einen VW Beetle fährt. Quer durchs Land sind sie früher gereist, egal wo die Löwen spielten, nach Hamburg, nach Rostock. Ihre Mutter hat das nie so ganz verstanden. Melinda sagt, dass es dabei um mehr geht als das Spiel: „Fußball bedeutet Zusammensein, eine Gemeinschaft zu sein.“ In der Hinsicht war diese Saison keine erfolgreiche.
Melindas Kopf sinkt zwischen die Hände
Im Flur hängen Fotos aus leichteren Zeiten. Die Cabriolöwen am Ostseestrand, wo sie 1860 München in den Sand schrieben. Die Cabriolöwen mit dem Schuh, den ihnen der Spieler Nono Koussou nach dem Aufstieg in die dritte Liga geschenkt hatte, dem Schuh, aus dem sie Goaßmass tranken und über den sie sangen: „aus dem Schuh, aus dem Schuh, aus dem Schuh von Koussou". Wie es wohl wäre, wenn die Löwen tatsächlich aufsteigen? Melinda hat sich das zuletzt häufiger gefragt. Ginge das überhaupt, eine Feier? Fände sie das gut? Oder zu riskant? Oder würden alle zu Hause vor dem Fernseher sitzen, sich ein Bier aufmachen und danach ins Bett gehen?
In der 49. Minute trifft Bayern zum 2:1, Melindas Kopf sinkt zwischen die Hände. Sind die Erwartungen vielleicht doch zu groß, seitdem alle vom Aufstieg reden?
An diesem Tag sind Hunderte Fans zum Stadion gekommen. Sie dürfen nicht rein, aber lieber hier stehen, vor dem Stadion, als daheim zu sitzen, vor dem Fernseher. Sie singen, zünden ein Feuerwerk. Vom Fenster aus sieht man Polizisten vorbeirennen, schwarze Kampfanzüge, Helme.
Fischstäbchen gegen Rostock, Rostbratwürste gegen Würzburg
Es hat zuletzt viele Debatten gegeben, ob den Fans der Fußball egal wird, wenn sie merken, dass es auch ohne sie geht. Melinda glaubt das eher nicht. „Klar, man stumpft ein bisschen ab“, sagt sie. Als es im Winter zu kalt war, hat sie das ein oder andere Spiel im Fernsehen statt am Fenster geschaut. Trotzdem: Sie könne sich nicht vorstellen, dass einen Fan die Spiele kaltlassen. „Weil es ist ja doch dein Sechzig, es ist doch deine Mannschaft. Da kannst du nicht einfach sagen: Da gucke ich nicht zu.“
Im Spätsommer, als sich noch mehr Menschen
treffen durften, konnten die Cabriolöwen ein paar Spiele gemeinsam anschauen. Sie haben dann Essen gekocht, passend zum Gegner. Gegen Rostock gab es Fischstäbchen, gegen Würzburg Rostbratwürste. „Da kam Fußballfeeling auf“, sagt Melinda. Doch dann stiegen die Infektionszahlen. Am Fenster wurde es einsam.
In der 68. Minute sieht Melinda nichts, das Geschehen spielt sich im toten Winkel ab. Sie kann nur raten, was passiert: Ecke? Elfmeter? „Könnte alles sein“, sagt Melinda. Plötzlich jubeln die Sechziger, und Melinda auch. Ein Elfmeter also, der Ausgleich. Wieder ein Videoanruf bei den anderen Cabriolöwen, wieder wird gejubelt.
Doch dann geht nicht mehr viel. Als der Schiedsrichter abpfeift, sinken die Löwen auf den Rasen. „Sie sehen enttäuscht aus“, sagt die enttäuschte Melinda. Die Chance auf den direkten Aufstieg ist weg. Sechzig muss am Samstag in Ingolstadt gewinnen, sonst reicht es nicht mal für die Relegation. Die Saison der Geisterspiele wäre vorbei.
Verschwitzte Körper, Umarmungen, Chor aus tausend Kehlen?
Doch wer weiß, ob sich die Kurven im Herbst wieder füllen? Verschwitzte Körper, Umarmungen, ein Chor aus tausend Kehlen — schwierig. Wahrscheinlich dürfen erst einmal nur wenige Fans ins Stadion. Dann, sagt Melinda, wolle sie anderen den Vortritt lassen, „die es dringender brauchen“. Sie habe ja einen guten Platz.
Melinda legt die Schals zusammen, holt die Decke rein. Dann zieht sie das Fenster zu.
Der Abend der Eskalation: Die Funktionäre erleiden eine große Niederlage. Eine im Bereich des Politischen — zugefügt von den eigenen Mitgliedern.
VON CHRISTOPHER MELTZER
Als der Präsident Herbert Hainer nichts mehr hören, aber die Mitglieder seines Vereins noch reden wollten, als er kapitulierte, aber sie protestierten, als er auf dem Podium leise seine Unterlagen zusammenpackte, aber sie protestierten, als er auf dem Podium leise seine Unterlagen zusammenpackte, aber sie auf der Tribüne laut „Hainer raus“ brüllten, als diese Jahreshauptversammlung des FC Bayern München, die in die Geschichte des wichtigsten deutschen Sportvereins eingehen und diese vielleicht sogar verändern wird, eigentlich schon vorbei war, ging Uli Hoeneß plötzlich aufs Podium und stellte sich ans Rednerpult.
Hoeneß verlässt das Podium — sprachlos
Es war schon nach Mitternacht in der Basketballhalle in München, wo Hoeneß, Aufsichtsrat und Ehrenpräsident, Macher des modernen FC Bayern, in den mehr als fünf Stunden davor stumm auf seinem Stuhl in der ersten Reihe gesessen hatte. Jetzt konnte und wollte er aber nicht mehr schweigen — und schaffte es dann doch nicht, etwas zu sagen. Er starrte auf die Tribüne, wo Männer und Frauen mit Masken standen und sangen: „Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt!“ Da verließ Hoeneß das Podium wieder. Sprachlos. Und als er ein paar Minuten später aus der Halle marschierte, sagte er nur: „Das ist die schlimmste Veranstaltung, die ich beim FC Bayern je erlebt habe.“
Am Donnerstagabend haben die Funktionäre des FC Bayern München e.V. und der FC Bayern München AG eine große Niederlage erlitten. Sie werden die Aufarbeitung anders als sonst aber nicht ihrem Trainer und ihren Spielern überlassen können. Es war nämlich keine Niederlage im Bereich des Sportlichen, sondern eine im Bereich des Politischen. Und es war keine, die ihnen von Fremden zugefügt worden ist, sondern von denen, die sie Familie nennen. Ihren eigenen Mitgliedern.
Sie hatten diese erstmals seit zwei Jahren wieder für eine Jahreshauptversammlung eingeladen. Damals, im November 2019, waren mehr als 6000 gekommen. Jetzt hätten es wegen der verschärften Corona-Regeln in Bayern höchstens 1700 sein können – unter strengen Auflagen: geimpft oder genesen plus getestet plus mit FFP2-Maske. Am Ende versammelten sich unter diesen Umständen nur 780. Doch Stunde für Stunde wurde offensichtlicher, warum die meisten von ihnen dennoch erschienen waren. Sie wollten nicht die neuesten Pokale sehen, die der Stadionsprecher Stephan Lehmann präsentierte. Sie wollten nicht die neuesten Zahlen über den Umsatz (643,9 Millionen Euro) und den Gewinn (1,9 Millionen Euro) der Profifußball-AG lesen, die der Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen einordnete. Und sie wollten nicht mal über das Impfen diskutieren. Sie wollten über das Thema sprechen, über das der FC Bayern mit ihnen sonst nicht sprechen will: Qatar.
Es lässt sich noch nicht genau sagen, was die Mitglieder an diesem Abend des Aufstands erreicht haben. War es eine Rebellion? War es vielleicht sogar eine Revolution? Aus Sicht der Funktionäre war es eines aber ganz sicher: ein totaler Kontrollverlust.
Wenn man die Eskalation verstehen will, muss man wohl im Januar 2011 anfangen. Damals reisten die Fußballmänner des FC Bayern erstmals für ein Trainingslager nach Qatar. In das Emirat, in dem NGOs bis heute regelmäßig Menschenrechtsverletzungen dokumentieren. In den nächsten Jahren flogen die Bayern immer wieder hin — und fingen an, Sponsorenverträge auszuhandeln. Mit dem Hamad International Airport und anschließend mit der staatlichen Fluggesellschaft Qatar Airways. Ein Deal, der laut Karl-Heinz Rummenigge, dem früheren Vorstandsvorsitzenden, „gutes Geld“ bringt und noch bis 2023 gilt.
Rummenigge: „Ein Deal, der gutes Geld bringt“
Das Geschäft stört manche Mitglieder schon lange. Einem, das besonders kritisch war, erteilten die Bayern ein lebenslanges Hausverbot. Sie begründeten das damit, dass der Mann während eines Spiels der zweiten Mannschaft an der Präsentation eines Plakats („Bayern-Amateure gegen Montagsspiele“) beteiligt gewesen sei, das gegen Brandschutzrichtlinien verstoßen habe. Auf einem Foto kann man sehen, dass mehr als 20 Fans dieses Plakat präsentierten.
Warum wurde aber nur einer bestraft? Der Verein sagt: Weil er schon mal auffällig gewesen sei. Der Anwalt Andreas Hüttl, der das Mitglied vor Gericht vertritt, sagte der F.A.Z.: „Die (Bayern/d. Red.) wollen ihn mundtot machen.“ Denn zuvor hatte der Mann unter anderem im Januar 2020 eine Podiumsdiskussion mitorganisiert. Der Titel: „Katar, Menschenrechte und der FC Bayern — Hand auf, Mund zu?“ Dafür wurde auch ein Vertreter des Vereins eingeladen. Doch der Stuhl, der für ihn vorgesehen war, blieb leer.
Das war ein Tropfen, der das Fass für ein anderes Mitglied zum Überlaufen brachte: Michael Ott, 28 Jahre alt, Rechtsreferendar. Er hat vor der Jahreshauptversammlung einen Antrag eingereicht, mit dem er den e.V. verpflichten wollte, auf die AG einzuwirken, um den Vertrag mit Qatar Airways nicht fortzuführen. Als der Verein ihn wochenlang ignorierte — den Antrag also weder annahm noch ablehnte — ging er vor Gericht.
Am Tag der Jahreshauptversammlung wies das Landgericht München I seinen Antrag auf einstweilige Verfügung zurück. Es führte in seiner Begründung an, dass die Versammlung „für den bezeichneten Beratungs- und Beschlussgegenstand laut Vereinssatzung nicht zuständig“ sei. Das stoppte Ott aber nicht. Er kündigte auf Twitter an, den Antrag mit einem Spontanantrag zur Abstimmung bringen zu wollen. Die Voraussetzung dafür wäre eine Dreiviertelmehrheit unter den anwesenden Mitgliedern.
Qatar — der Elefant im Raum
Und damit wieder in die Basketballhalle.
Am Donnerstagabend sprach der Präsident Hainer als Erster über den Elefanten im Raum. „Ich möchte das Thema Qatar nicht ausklammern“, sagte er. „Wir stellen uns jedem Diskurs.“ Sofort buhten und pfiffen manche Mitglieder. Doch Hainer konterte. Er forderte Sachlichkeit — und nannte ein Gegenbeispiel: „feige“ und „niederträchtig“. Das war der erste Seitenhieb gegen Ott, der das Vorgehen seines Vereins auch in der F.A.Z. mit diesen Worten beschrieben hatte. In der Rede des Vizepräsidenten Prof. Dr. Dieter Mayer folgten weitere.
So brodelte die Stimmung in der Halle vor sich hin — und kochte nach mehr als drei Stunden über. Unter Tagesordnungspunkt 9: Anträge. Ein Mitglied stellte gleich zwei Vorschläge für eine Satzungsänderung mit Menschenrechten im Mittelpunkt vor.
Dann war Michael Ott an der Reihe, der neben seinem sogenannten Qatar-Antrag noch zwei andere Anträge — einmal zur Annahme von Anträgen, einmal zum Verkauf von Anteilen an der AG — eingereicht hatte, die zugelassen wurden. Er stellte außerdem einen Spontanantrag zu Qatar, den Mayer auch mit Verweis auf die Entscheidung des Landgerichts untersagte. Das Publikum war empört. Und als Mayer danach über Menschenrechte sprach, stand eine Frau auf der Tribüne und schrie: „Das Problem ist, dass Ihnen die Menschenrechte scheißegal sind!“
Spätestens in diesem Moment offenbarte sich, was folgte. Die Mitglieder lehnten den großen Satzungsänderungsantrag des Vereins, an dem seit mehr als einem Jahr gearbeitet wurde, mit deutlicher Mehrheit ab. Auch Ott scheiterte an der 75-Prozent-Mehrheit, die für Satzungsänderungsanträge gilt. Dann wurde über die beiden Anträge mit den Menschenrechten abgestimmt. Der Verfasser: Das Mitglied, dem Hausverbot erteilt worden ist.
Der erste Antrag: „Der Club bekennt sich zum Respekt gegenüber allen international anerkannten Menschenrechten und setzt sich für die Achtung dieser Rechte ein.“ Im Vergleich zur Version des Vereins wurde der zweite Hauptsatz — vor allem der Hinweis „setzt sich ein“ — ergänzt. 639 Mitglieder dafür, 25 dagegen. Angenommen.
Der zweite Antrag: „Der Club setzt sich als Mehrheitsaktionär der FC Bayern München AG für die Umsetzung der Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen ein.“ 595 Mitglieder dafür, 60 dagegen. Angenommen.
Das führte zu Freude unter den Fans — und davor schon zu einer der Szenen des Abends. Als der Abstimmungsleiter fragte, wer dagegen sei, dass der Klub sich in der Satzung zum Respekt gegenüber allen international anerkannten Menschenrechten bekenne und sich für die Achtung dieser Rechte einsetze, hoben auch sechs Männer ihre Stimmkarte: Der Präsident Hainer, der Vizepräsident Mayer, der Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn, der Finanzvorstand Dree-sen, der Sportvorstand Hasan Salihamidžić und der Ehrenpräsident Hoeneß. Was ein Bild! Was eine Botschaft!
Profis reagieren wie Amateure: Patzig, ungeschickt
Man sollte nun nicht vergessen, dass der FC Bayern mehr als 290.000 Mitglieder hat — und an diesem Abend nur 780 entscheiden konnten. Wer weiß, wie die Abstimmungen ausgegangen wären, wenn das Virus nicht verhindert hätte, dass Busse der Fanklubs aus Bayern angerollt wären? Man sollte aber auch nicht vergessen, dass auf dem Podium mit den Funktionären Profis in ihren Bereichen saßen — und sich immer wieder wie Amateure verhielten. Sie antworten, wenn die Mitglieder buhten und brüllten, patzig oder unge-schickt.
Da war der Vorstandsvorsitzende Kahn, der einen Zwischenruf zum Thema „Round Table“ mit den Fans zum Thema Qatar eine „sehr, sehr gute Idee“ nannte — nachdem ein paar Minuten davor ein Mitglied aufgezählt hatte, wie oft so ein Round Table angekündigt worden und dann doch nicht zustande gekommen war, was zum größten Applaus des Abends führte.
Da war der Vizepräsident Mayer, der die undankbare Aufgabe hatte, den Tagesordnungspunkt 9 zu leiten — und immer wieder auf seinen Titel als Jurist verwies, als wäre er den Mitgliedern dadurch überlegen. Und da war auch der Präsident Hainer, früher mal Adidas-CEO, den man manchmal daran hätte erinnern sollen, dass vor ihm in der Halle keine Aktionäre eines Konzerns saßen, sondern Mitglieder eines Vereins.
Es war dann auch Mayer, dem der unglücklichste Satz des Abends rausrutschte. Als ein Mitglied in einem Vortrag in Anspielung auf den abgelehnten Ott-Antrag anmerkte, dass Demokratie anders gehe, antwortete Mayer: „Es geht hier nicht um Demokratie.“ Er fügte schnell an, dass der Antrag juristisch nicht zulässig sei. Da lachten aber schon alle.
Was sind nun die Folgen der Jahreshauptversammlung? Wie wird Hainer reagieren, der sich „Hainer raus“-Rufe anhören musste? Wie wird Kahn reagieren?
Minischritte auf die Mitglieder zu
Am späten Donnerstagabend, als sie die Kontrolle schon verloren hatten, machten sie Minischritte auf die Mitglieder zu. Es sei „bei weitem nicht entschieden“, ob man den Vertrag mit Qatar Airways über das Jahr 2023 hinaus fortführte, sagte Hainer. Er sehe „Verbesserungsbedarf“ und Punkte, „wo wir uns weiterentwickeln können“, sagte Kahn. Waren das schon Reaktionen auf die Kritik?
In seinem Vortrag sprach auch der Finanzvorstand Dreesen über Kritikkultur. Er sagte: „Ein kritischer Diskurs kann anregen, sich selbst zu reflektieren. Es tut einem gut und gibt meistens bessere Ergebnisse.“ Es war aber die passende Pointe für diese denkwürdige Jahreshauptversammlung, dass Dreesen den Diskurs mit dem Aufsichtsrat meinte. Und nicht den mit den Mitgliedern.